Top of Cotopaxi, 5897m

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Panamá

Wir sind also vor knapp zwei Wochen per Boot nach Panama aufgebrochen.
Panama hat die Form eines Siphons, der im Süden an Kolumbien und im Norden an Costa Rica grenzt. Das Land ist knapp doppelt so gross wie die Schweiz und beherbergt aber nur 3.3 Millionen Einwohner. Die Währung hier heisst Balboa, genannt nach dem Seefahrer Vasco Núñez de Balboa, der im Jahre 1513 wohl als erster Panama durchquerte. Ein Balboa entspricht einem US-Dollar. Nur Münzen, kleiner als ein Dollar, gibt es in Balboas, alles andere wird in US-Dollars bezahlt – völlig überflüssig.
Von Capurganá ging’s per Boot also zur Grenze nach Puerto Obaldía. Dort gelangten wir zu einer „Militärfestung“, wo wir zuerst mal all unser Gepäck auspacken durften. Wer aus dem bösen Drogenland Kolumbien kommt, muss beweisen, dass er nichts schmuggelt… Schon komisch, in Ecuador und auch hier in Panama reden fast alle Einheimischen schlecht über Kolumbien, dabei waren sie noch nie dort und wissen gar nicht, was sie verpasst haben! Nun gut, die Zollkontrolle war eine reine Machtdemonstration. Nach knapp zwei Stunden war der Spuck dann auch vorbei und wir nahmen die letzten zweieinhalb Stunden in Angriff – bei wolkenlosem Himmel und relativ ruhiger See, fantastisch. Wir kamen dann in Caledonia an, der südlichsten bewohnten Inseln des San Blas Archipels (heute eigentlich Kuna Yala Archipel). Die Bewohner dort, die Kunas, sind eine relativ junge indigene Gruppe und stehen quasi unter örtlichem „Heimatschutz“. Sie haben aber ein paar eigenartige Angewohnheiten und sind nicht unbedingt für ihre Freundlichkeit bekannt. Sie verstehen aber einfach auch noch nicht, wie man mit dem Tourismus umgehen muss bzw. soll, aber wie man Geld macht, wissen sie bereits. Eine Tradition dort ist beispielsweise, dass Männer mit 13, Frauen mit 15 Jahren verheiratet werden. Die Frauen müssen sich dann ihre Haare kurz schneiden und sich so farbige Bändel um die Beine binden. Irgendwoher vom Festland gab‘s auf der Insel eine Frischwasserleitung, Strom kommt ausschliesslich von den Solarpanels und der Abfall wird einfach ins Meer geschmissen oder auf einer der abgelegenen Inseln verbrannt… ausser die Glasflaschen, die haben Pfand drauf. Aber aller andere Müll schwimmt gelegentlich an einem vorbei, wenn man am Schwimmen ist. Die WCs waren der Hammer. Ein Steg raus aufs Meer, dann vier Wände und in der Mitte ein Loch. Schön – und gleich nebenan kann man schwimmen gehen… Oli wusste das zu Beginn noch nicht J Wir mieteten uns dann einen Einbaum zu einer der vielen, paradiesischen Inseln. Wir wussten da auch noch nicht, dass praktisch jede Insel privat ist. Dort angekommen, dauerte es dann einen langen Moment, bis die Einheimischen erkannten, dass wir „ohne Erlaubnis“ auf der Insel waren und wurden dann zu Recht gewiesen. Am Folgetag baten wir im Voraus um Erlaubnis und wurden – 4 Personen – für insgesamt ganze 5 Dollar in einem etwas grösseren Einbaum zur Insel rüber gerudert. Die Nacht verbrachten wir im einzigen „Hostel“ der Insel – in Hängematten. Restaurants gab es auch nur zwei, Essen gab’s für 2-4 Dollar.
Danach ging’s Richtung Festland. Um 5 Uhr morgens sollte das Boot los – wie so üblich dauerte auch dies etwas länger, aber kurz vor 6 Uhr ging’s dann wirklich los. Knapp 20 Personen – unterwegs stiegen noch einige dazu – ganz viel Gepäck und wir mal wieder in der zweit vordersten Reihe, wo unsere Rücken die Wellen abfedern durften. In den „Buchten“ hintern den Inseln gibt’s kaum Wellen, aber die Inseln liegen teils wirklich sehr, sehr weit auseinander, so dass die Fahrt quasi aufs offene Meer führte. Wir steuerten geradewegs auf eine immer dunkler werdende Zone hin und plötzlich waren wir mitten drin. Der Wellengang wurde immer stärker, der Kapitän fuhr immer langsamer, bis er schliesslich den Motor abstellte. Die Wellen schwappten ins Boot, das Festland war nirgendwo mehr erkennbar und der anfangs noch muntere Oli wurde immer blasser. Er glaubte wirklich für einen Moment lang, „das war’s nun“ – aber es ging weiter. Nach insgesamt 6 Stunden kamen wir dann endlich auf dem Festland in Cartí an. Von Cartí gibt’s Kleinbusse (4x4), die die Passagiere nach Panama-City fahren. Cartí besteht eigentlich nur aus der Anlagestelle, der „Buswartehalle“ und einem Restaurant. Wir waren insgesamt rund 80 Passagiere und es gab gerade mal 5 „Busse“.  Wir durften daher also satte 4 Stunden auf eine Transportmöglichkeit in die Stadt warten. Dies die einzige Möglichkeit, um in die Stadt zu kommen. Der Fahrer war ein Vollidiot und nachdem Oli ihn in seinem begrenzten Spanisch zu Recht wies, wollte er uns unsere Rucksäcke zurück behalten. Widerwillig bezahlten wir dann den völlig überrissenen Betrag, aber ein paar Bier später war (fast) alles wieder vergessen.
In Panama-City stehen so viele Hochhäuser, wie in keiner mir bekannten lateinamerikanischen Stadt und geben der Stadt eine schöne Skyline. In der Stadt drin ist es jedoch genau gleich, wie in jeder anderen lateinamerikanischen Grossstadt: dreckig, lärmig und chaotisch. Das rascheste Verkehrsmittel sind Taxis. Die sind sehr billig, aber nicht jeder Fahrer fährt überall hin. Oft halten auch leere Taxis schon gar nicht an. Panamesen sind ja wirklich kein freundliches Volk, aber die Taxifahrer hier sind noch viel schlimmer. Es ist halt auch ein „Schock“, wenn man von Kolumbien kommt, wo alle Leute so herzlich und nett sind und dann in Panama landet…
Leider regnete es jeden Nachmittag. Jaja, Petrus meinte es nicht gut mit uns in Panama…
Nachdem wir die koloniale „Altstadt“ erkundet hatten, machten wir uns auf die Suche nach einer Shopping-Mall – viel anderes blieb bei dem Wetter nicht übrig. Wir wurden beim grossen Busbahnhof fündig: eine riesige Einkaufshalle mit hunderten von Shops, sowie drei grossen Food-Corners. Viele Markenartikel gibt’s dort regulär zum halben Preis J
Abends ging’s jeweils ins Reichenviertel, das mit vielen schönen Restaurants lockt. Wir merkten aber auch, dass sich abends diese Zone in ein einziges Puff verwandelt. Überall stehen Prostituierte und jeder Taxifahrer schlug vor, über einen Umweg nach Hause zu fahren… naja, sorry.
Natürlich durfte ein Ausflug zum Panama-Kanal nicht fehlen. Wir kamen grad rechtzeitig an, um zwei grosse Schiffe bei der Miraflores-Schleuse zu sehen. Die Schiffe müssen angehoben werden, da das Bodengestein zu hart war. Daher wurden drei grosse Schleusen gebaut, um die Schiffe über das Meeresniveau anzuheben und so die rund 80km quer durchs Land zu schiffen. Die Passage dauert insgesamt rund 8 Stunden und kostet im Durchschnitt etwa 50‘000$US (abhängig von der Grösse des Schiffes). Ein Museum zeigt die Geschichte des Kanals, vom gescheiterten Bau der Franzosen Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Weiter zeigen sie dort einen Promo-Film im amerikanischen Stil. Panama scheint schon ein kleines Amerika zu sein, nur dass wohl leider nur ein kleiner Teil in der Hauptstadt von all dem finanziellen Ruhm des Kanals profitiert.
Wir hatten dann noch zwei weitere Tage zu Tode zu schlagen und schafften dies erfolgreich in der Albrook-Shopping-Mall. Und beim Coiffeur waren wir noch – immer wieder lustig hier.
Mit dem Nachtbus ging’s dann nach Bocas del Toro an der Karibikküste im Norden des Landes. Petrus liess auch dort schon am frühen Morgen die Korken knallen und schüttete den Flascheninhalt auf uns runter… Ausser ein paar Stunden Sonnenschein an zwei Nachmittagen, blieb es die restlichen fünf Tage mehrheitlich bewölkt und regnerisch. Bocas del Toro ist ein Touristen-Magnet: Sprachschulen, Surfen, Tauchen und eine ausgelassene Club-Scene. Und im Weiteren ein riesiger Drogenumschlagplatz. Ich staunte nicht schlecht, als ich abends in der Disco praktisch immer irgendeinen Typen vor mir auf dem Klo sniffen sah. Und wenn man die Drogen ablehnt, wird man oft schräg angeguckt.
Zurück ging’s wiederum per Nachtbus, diesmal etwas bequemer und schneller. Jetzt verbrachten wir nochmals zwei Tage in Panama-Stadt. Nochmals Shopping und gut Essen waren angesagt J zudem ist das Wetter jetzt etwas besser. Es ist erdrückend heiss und wir freuen uns schon fast über den abkühlenden Regen. Viel mehr freuen wir uns aber auf morgen, dann geht’s zurück ins schöne Kolumbien. Um 12:30 Uhr werden wir in Cartagena landen und dort Weihnachten verbringen. Silvester dann in Santa Marta.
Oli und ich wünschen allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Hasta pronto.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Colombia - Teil 2

Hola. Nun bin ich also schon seit knapp zwei Wochen nicht mehr „alleine“ unterwegs. Am Tag nach Olis Ankunft stand zuerst mal eine Stadtbesichtigung an. Nachdem es im Altstadt-Quartier „La Candelaria“ um 8Uhr morgens noch nirgends etwas zu essen gab, durchquerten wir die Altstadt einfach mal zu Fuss. Beim Hauptplatz, der Plaza Bolivar, standen dann aber auch schon die ersten Strassenverkäufer, die frische Fruchtsäfte und Fruchtschnitze verkauften – et voilà J
Danach gingt’s ins Goldmuesum. Am letzten Sonntag im Monat sind alle Museen jeweils gratis, drum waren wir schon früh genug dort, um dem grossen Ansturm zu entgehen. Hier gibt’s allerhand Goldstücke, welche von verschiedenen Kulturen in Kolumbien gefunden wurden. Ich war ein bisschen enttäuscht über die „Funde“ aus San Agustin und Tierradentro – dort hiess es immer, der Rest sei im Goldmuseum in Bogota, aber hier gab’s nicht sehr viel mehr… unseren zweiten Museumsbesuch widmeten wir Herrn Botero, dem wohl berühmtesten Künstler Kolumbiens. Er malte v.a. Menschen in Alltagssituationen und alle menschlichen Wesen hat er sehr adipös gezeichnet. Auch Skulpturen hat er in diesem Stil angefertigt. Die berühmteste heisst „la Gorda“ (die Dicke) und steht in Medellin – ist aber nicht soooo eindrucksvoll…
Bogotá ist keine wirklich schöne Stadt. Wie bereits gesagt gibt es ein krasses Nord-Süd-Gefälle. Die Candelaria, die Altstadt, liegt etwa in der Mitte. Für die „Rolos“, wie die Bogotaner u.a. genannt werden, liegt die Candelaria aber bereits im Süden. Der Norden unterscheidet sich dann kaum mehr von einer europäischen Stadt – auch nicht im Preisniveau.
Obwohl die Stadt so viele Einwohner wie die Schweiz hat, existiert kein sinnvolles Transportsystem. Die Transmillenio, ein „Schnell-Bus“, hat zwar eine eigene Spur, aber die Schlaglöcher und Ampeln vor Fussgängerstreifen zeugen von ungenügendem Willen an Verbesserung… Vom Zentrum in den Norden oder Süden dauert‘s je rund 1h.
Von Bogotá ging’s dann mit dem Nachtbus Richtung Kaffezone. Nachtbusfahrten wollte ich mir auf dieser Reise eigentlich ersparen. Aber Kolumbien ist so gross, dass praktisch jede Busfahrt 6-10h dauert und zu zweit ist dies auch einfacher und sicherer. 8-9h wurden uns vorausgesagt, 11h dauerte die Fahrt dann effektiv. Aufgrund des vielen Regens in den vorausgegangenen Tagen waren die Strassen teils von Erdrutschen versperrt… Von Armenia (gleich nebenan liegt Montenegro und auch Palestine ist ganz in der Nähe…) ging’s dann eine weitere Stunde im Kleinbus bis Salento, dem Tor zum Cocora-Tal und mittendrin in der Kaffeezone Nummer 1 von Kolumbien. Bereits bei der Ankunft regnete es – und so blieb es dann – leider – mehrheitlich auch. Am zweiten Tag besuchten wir dann eine Bio-Kaffee-Plantage, was mit einer sehr schönen Wanderung verbunden war. Fr. 2.50 pro Person kostete eine rund einstündige Führung, mit einem frisch gemahlenen Kaffe am Ende. Dies waren aber auch die einzigen 3-4h die uns Petrus gönnte. Daher verbrachten wir nachmittags jeweils viel Zeit mit B&B, Billiard und Bier…
Aufgrund der misslichen Wetterlage fuhren wir am Folgetag weiter – nach Medellin, der Ort, wo angeblich die schönsten Frauen des Landes her kommen. Die Stadt ist ähnlich wie Cali, eine Goldgrube für Schönheitschirurgen (und wie gesagt, ist eine Operation selbst bei Miss-Wahlen kein Hindernis). Medellin hat eine sehr schöne „zona rosa“, das Ausgangsquartier. Viele westlich ausgerichtete Restaurants mit entsprechendem Standard und Preisen, gespickt mit einigen Discos – wunderbar zum Ausgehen J Die Stadt selber ist nur im Neustadt-Viertel schön – das Zentrum ist sehr hektisch und in der Fussgängerzone wird man verbal in jeden Laden gezogen, was sehr anstrengend ist. Der Botero-Platz, wo viele Statuen – u.a. „la Gorda“ – ausgestellt sind, der botanische Garten und die Aussicht vom Hügel im Nordwesten sind aber auch schon die einzigen Sehenswürdigkeiten in dieser Stadt. Es gibt aber viele schöne Parks und Grünzonen, was der Stadt ein ruhigeres Flair attestiert. Leider meinte es Petrus auch hier nicht sonderlich gut mit uns, so dass wir den Ausflug nach Guatapé ausliessen und nach vier Nächten Medellin dann wiederum einen Nachtbus nach Turbo nahmen. Aufgrund des vielen Regens in den vergangenen Tagen, was etliche Erdrutsche zur Folge hatte, wurde uns eine Busfahrt von 10h vorausgesagt. Da aus Turbo nur ein Boot pro Tag um ca. 8Uhr an die Karibikküste nach Capurganá fährt, wollten wir früh genug dort sein – und 10h können hier ja locker zu 12 oder 13h werden… so nahmen wir den Bus um 18:30Uhr (Abfahrt war dann um 19Uhr). Um 22Uhr war ein Stopp geplant, um uns den Magen zu füllen. Oli lagen die zwei Salsichas (fettige Würstchen) bis am Morgen auf… Die Strassenverhältnisse waren wirklich miserabel! Schlaglöcher hier und dort, Erdrutsche links und rechts, dazu zwischenzeitlich stärkster Regen, so dass man kaum mehr was sah und selbst die Dachlucke nicht mehr dicht war – und genau auf mich runter tropfte… an Schlafen war kaum zu denken, wir probierten es trotzdem und es gelang uns stundenweise. Ab 3:30 Uhr machte der Fahrer dann auch wieder laute Musik an und um 4:15 Uhr hiess es dann plötzlich „Turbo, aussteigen“! oha, jetzt waren wir viel zu früh… Turbo ist eine hässliche Stadt. Immerhin wurden wir direkt beim Büro der Busgesellschaft abgeladen, wo wir ab 5 Uhr auch unser Gepäck deponieren konnten. Bis dahin wurden wir aber von einem Drögeler immer wieder angesprochen und er legte uns sogar seinen Stauschlauch vor die Füsse – blieb aber sonst anständig. Die Polizei-Patrouille folgte auch umgehend und trank danach noch einen Kaffee mit uns auf der Strasse. Nach weiteren zwei Stunden Warten im Hafen, war es dann endlich, endlich soweit. Wir durften aufs Boot. Knapp 30 Personen waren mit uns auf diesem sehr kleinen, engen Boot und wir zwei Gringos durften in der ersten Reihe sitzen – danke… jede Welle wurde also zuerst mal von unseren Rücken abgefedert L nach rund drei Stunden und ca. 5cm Grössenverlust kamen wir dann in Capurganá an. Echt, die Bootsfahrt war um nichts besser als die Busfahrt während der Nacht…
Capurganá ist ein sehr kleines Dörfchen mit gut 1000 Einwohnern ein paar Kilometer von der Grenze zu Panama entfernt, besitzt aber einen Flugplatz und viele Strassenkötern, die einen beim Essen stören. Hierher gelangt man wirklich nur per Boot oder Flugzeug und der nächste Bankomat liegt in Turbo bzw. der nächsten grösseren Stadt in Panama… Das Essen hier ist sehr langweilig: die gewohnten Beilagen, sprich eine knappe Hand voll Salat, 10 Pommes, etwas Reis (aber KEINE Bohnen!) und dann die Wahl zwischen Fisch, Rind oder Poulet… naja…Mittag- und Abendessen sind jeweils genau gleich! Und es gibt nicht viele Restaurants hier - der Vitaminmangel schreit schon beinahe. Die Strände hier sind sehr klein, aber gemütlich und erholsam. Unser Hostel liegt auch direkt am Meer – wäre das Wasser etwas tiefer, könnten wir direkt vom Balkon aus rein springen J Das Wetter wurde jetzt jeden Tag besser, so dass wir heute auch endlich noch Tauchen gehen konnten. Nichts weltbewegendes, aber immerhin ein Wieder-Einstieg für Oli. Eigentlich wollten wir von hier über die Grenze nach Panama und dann einen Flug nach Panama-City nehmen – alle Flüge seien aber bis anfangs Januar ausgebucht. Daher geht’s morgen per Boot direkt auf die San Blas Inseln in Panama. Am 22. Dezember geht’s dann wieder zurück nach Kolumbien für die Feiertage J
Hasta luego, Colombia!

Samstag, 26. November 2011

Colombia - der Süden

Bereits sind wieder rund zweieinhalb Wochen vergangen. Kolumbien ist RIESIG, genauer gesagt etwa 27mal so gross wie die Schweiz und rund 5mal mehr Einwohner, aber nur schon in der Hauptstadt Bogotá wohnen gleich viele Leute wie in der ganzen Schweiz. Das Land wir in Nord-Süd-Achse von zwei Gebirgszügen in fünf Teile gespalten: Küste, Hochebene/Gebirge, Tiefebene, Hochland/Gebirge und Amazonas/Dschungel. Gegen Norden versanden dann die Gebirgszüge wortwörtlich und es wird alles flacher bis zum karibischen Meer.
Das erste was einem in diesem Land auffällt ist, dass die Leute extrem freundlich sind. Bestellt man in einem Restaurant etwas, kommt die Bedienung und fragt „hola mi amor“, was hättest du gerne. Die sprachlichen Ausdrucksformen hier sind sehr schön und liebevoll – und genau so sind die Leute auch. Auch werden viele „Verniedlichungsformen“ wie im Schweizerdeutsch verwendet. So viele, wie sonst in keinem anderen lateinamerikanischen Land. Vieles ist hier anders als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Kolumbien ist sicherlich eines der am weitesten entwickelten Länder Lateinamerikas. Die Standards hier sind so gut, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte ;-) beispielsweise kann man in allen grösseren Städten das Hahnenwasser problemlos trinken – und trotzdem ist alles noch sehr billig. Ausser Busfahrten. Diese kosten hier 3-10mal soviel wie in allen anderen Ländern zwischen Mexiko und Bolivien und die Standards sind sehr unterschiedlich – von sehr komfortabel bis katastrophal! Aber bei den Benzinpreisen sind die Kosten ja auch kein Wunder. Der Liter Benzin kostet hier mit 1 – 1.25CHF rund 3-4mal mehr als beispielsweise in Ecuador (wobei dort das meiste Benzin mit Wasser verdünnt sei…). Hier gibt es auch militärische Strassenkontrollen – angeblich um die Sicherheit zu erhöhen. Ich bin immer der Erste, der seinen Pass wieder zurück kriegt J die Einheimischen werden viel, viel strenger kontrolliert. Kolumbien ist aber auch ein „Velo-Land“. Habe in ganz Lateinamerika noch nie so viele Velo- und Mofafahrer gesehen wie hier. Auch ganz witzig ist, dass man an jeder zweiten Strassenecke „Minuten“ zum Telefonieren kaufen kann. Da bietet einfach einer sein Handy an und verlangt dann 5-15 Rappen pro Minute und man kann dies minutenweise „mieten“ um einen Kurzanruf zu tätigen – voll praktisch für Hotelreservationen und -Anfragen etc. Was generell ganz speziell hier ist: praktisch jeder Preis (ausser beim Essen und im Supermarkt) ist verhandelbar! Sei es im Hotel, auf dem Markt oder am Busticket-Schalter – fast jeder Preis kann gedrückt werden. Dies macht es einerseits spannend, andererseits auch sehr mühsam. Weiter ganz typisch für Kolumbien sind die „Chivas“. Eine Chiva ist ein „Bus“, mit dem die „Indigenas“ – die „Indianer“ – mit all ihren Verkaufsgütern zum Markt gefahren werden. Alle Güter – Früchte, Gemüse, Kleider und Schmuck – wird auf dem Dach transportiert, die Ver- und Käufer dann im Bus selber. Die Farben der Flagge Kolumbiens stehen gemäss Einheimischen für folgendes: Gelb für die Bodenschätze, v.a. dem vielen Gold, Blau für die vielen Flüsse, Seen und die zwei angrenzenden Ozeane und Rot für das viele vergossene Blut in unzähligen Unabhängigkeitskämpfen.
Also, die Fahrt von Quito zur kolumbianischen Grenze dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Grenzüberquerung war für Ausländer einmal mehr einfacher als für einheimische Grenzgänger… gut, nach knapp 12 Stunden im Bus kam ich dann in Pasto – einem kleinen Städtchen ca. 2h von der Grenze entfernt an. Für viele Kolumbianer liegt Pasto in Ecuador – die Mentalität dort sei auch ganz anders; ich habe keinen sooo grossen Unterschied gespürt, kam hierfür natürlich aber auch von der „falschen“ Seite her. Eine knappe Stunde östlich von Pasto liegt die Lagune von Cacho, das einzig wirklich sehenswerte in dieser Region. Die Fahrt im Sammeltaxi – das Taxi fährt einfach los, sobald es voll ist – kostet gerade mal zwei Franken pro Nase – für 45-50 Minuten Fahrt! Ok, für die Rückfahrt, die bergab ging, hat der Taxifahrer dann auch den Motor abgestellt…jaja, das funktioniert hier mit diesen alten Autos noch, da blockiert noch nichts – die Überholmanöver sind aber immer wieder ein Abenteuer; schon klar warum sich immer alle vor einer Fahrt bekreuzigen… leider begann es bei der Lagune bald an zu regnen – aber schön war’s trotzdem und ein gemütlicher Einstieg in eine neue Kultur.
Von Pasto gings dann am Folgetag nach Cali, dem pulsierenden Zentrum im Süden des Landes und der „Hauptstadt des Salsa-Tanzes“. Ich fand die Stadt nicht soo toll und verbrachte dann zwei Tage etwas ausserhalb in einer kleineren Stadt. An diesem Wochenende waren auch noch Miss-Colombia-Wahlen. Haha, das war ja was. Bei uns dauern die Wahlen zwei Stunden – mit ganz viel Aufzeichung. Hier wurden an drei oder sogar vier Abenden zu je 2-3 Stunden alles, was bei uns als Aufzeichnung gezeigt wird, live gezeigt. Ein mega Anlass! Zudem wird bei jeder Kandidatin gesagt, welche Schönheitsoperation sie schon hinter sich hat und daher sei der Bauch oder die Brüste so schön… jaja, Schönheitsoperationen sind hier ganz hoch im Kurs. In den (Salsa-)Bars sieht man nicht selten ganz unproportionale Körperfiguren – nicht unbedingt mein Geschmack, aber die Frauen hier (der gehobeneren Klasse natürlich) sind süchtig danach…entsprechend viele Fitness-Zentren gibt es hier, damit die Figur auch so bleibt ;-) Da muss ich aber noch ein Wort zur Ernährung verlieren… die unterscheidet sich leider nicht sonderlich vom Rest Zentral- und Südamerikas. Reis und Bohnen als Grundnahrungsmittel, dazu Yuca (eine Kartoffelart), Kartoffeln, eine Hand voll Salat, ein Stück Rindfleisch oder Poulet sowie eine frittierte Kochbanane – davor natürlich noch eine Suppe. Serviert mit einem frischgepressten, gezuckertem Saft, et voilà. Kostenpunkt: Fr. 1.50 – 3.00. Wo verschwindet also das ganze Gemüse, das auf den Märkten verkauft wird??? Ich weiss es nicht, wahrscheinlich in der Suppe… zum Frühstück Rührei mit Arepa – einer frittierten Mais-Tortilla. Nun ja, ihr seht, an Fett und Kohlenhydraten fehlt es hier in der Ernährung nicht. Dies sieht man auch vielen, v.a. älteren Generationen deutlich an (à la klassischer italienischer „Mama“).
Von Cali ging ich dann wieder etwas zurück in den Süden nach Popayan. Dies ist die ehemalige „Hauptstadt des Südens“ und wird auch heute noch als die „weisse Stadt“ bezeichnet, da das ganze koloniale historische Zentrum von weissen Häusern durchsetzt ist. Ein wirklich schönes Städtchen mit vielen Restaurants, Bars und gemütlichen Cafés. Dienstags ist jeweils „Indianer-Markt“ in Silvia, einem Bergdorf auf 2600m rund anderthalb Stunden von Popayan entfernt. Der Markt ist sehr klein und die in ihren traditionellen Kleidern auftretenden „Indigenas“ verkaufen v.a. Gemüse, Gewürze und Früchte. Grundsätzlich kriegt man aber auch hier alles, was man sonst noch braucht – vom Kanarienvogel über Schmuck bis hin zur Unterwäsche.
Von Popayan plante ich dann eine „Rundreise“ zu den zwei grössten und wichtigsten archäologischen Stätte Kolumbiens – San Agustin und Tierradentro – mit einem Stopp dazwischen in der Tatacoa-Wüste; ich plante 5-7 Tage, denn die Strassen sind ziemlich schitter und führen vom Hochland ins Gebirge und dann runter in die Tiefebene und wieder hoch. San Agustin und Tierradentro – beide seit 1995 UNSECO-Weltkulturerbe – waren von zwei unterschiedlichen Kulturen besiedelt, von denen man praktisch nichts weiss. Für beide Kulturen wird eine Blütezeit zwischen 1-900 n. Chr. angegeben, die ältesten Funde datieren aber aus 3000 v. Chr. Das einzige was von den beiden Kulturen noch übrig ist, sind die Grabstätte. Die zwei Kulturen unterscheiden sich aber deutlich. In San Agustin finden sich v.a. Statuen, die die Gräber und Sarkophagen „beschützten“. Die Gräber liegen bis maximal ca. 2 Meter unter der Erde. Etliche der Skulpturen zeigen Krieger mit bissigen, scharfen Eckzähnen oder Tieren, die hier wohl gar nie existierten! Z.B. Elefanten oder Vögel, von denen man hier nichts weiss – auch keine Skelettfunde! Die Statuen mit menschlichen Gesichtszügen zeigen auch Gesichter mit extrem breiten Nasen, wie man sie eigentlich nur aus Afrika und Teilen Polynesiens kennt… naja, meines Erachtens muss diese Kultur also vor viel, viel längerer Zeit existiert haben, sonst hätten sie all diese Dinge so nicht zeigen können. In der Gegend von San Agustin liegt zudem der Grösste Wasserfall Kolumbiens, der „Salto de Bordoñes“ und ist mit rund 400m der drittgrösste Wasserfall in Südamerika. Weiter liegt hier die Flussenge des „Rio Magdalena“, dem längsten und wichtigsten Fluss des Landes. Nebenbei erzeugt Kolumbien etwa 50% des Stromes aus Wasserkraft, drum ist der Fluss auch so wichtig (Atomkraftwerke gibt es hier – zum Glück – nicht! Es geht also auch anders!!). Ich war auf einer Tour mit nur Einheimischen – für die war z.B. diese Flussenge etwas extrem Gigantisches – okay, die Gegenden in San Agustin und Tierradentro sind sehr schön, aber ohne das Wissen und die Erfahrung der Bedeutung ist eine solche Flussenge etwas, was es in der Schweiz an jeder Ecke gibt… Die archäologischen Stätte in San Agustin liegen ziemlich weit auseinander im hügeligen Gebirge, daher benötigt man 2-3 Tage um alles zu sehen und wenn ich schon mal da bin…sprich, einen Tag im archäologischen Park, einen Tag per Jeep (inkl. Wasserfall) und einen Tag zu hoch zu Ross J - das war wirklich einmalig und wie gesagt, die Gegend dort ist sehr malerisch und schön. In den Bergregionen hier sieht man noch die wahre, ursprüngliche Kultur. Jeder kann ein Pferd reiten und die Landwirtschaft wird vornehmlich von blosser Hand und Machete verrichtet, zu steil ist an vielen Orten das Gebirge. Kühe, Ziegen und Pferde laufen frei herum und den offensichtlichen, geistigen Behinderungen einiger Indigenas zufolge, scheint auch Inzucht noch immer an der Tagesordnung zu sein… traurig aber wohl wahr.
Die Fahrt in die „Wüste“ dauerte dann 8 statt 5 Stunden – keine Ahnung warum… jedenfalls kam ich gerade noch knapp vor Sonnenuntergang dort an und der erste Teil der Tour begann noch am Abend. Die Tatacoa-Wüste ist eigentlich keine richtige Wüste. Es ist eine Zone mit halbtrockenem, dürrem subtropischem Wald, wo die Temperatur bis 50° Celsius erreichen kann, die jährliche Niederschlagsmenge aber bei 1078mm liegt (zum Vergleich Wil/SG: rund 1200mm/Jahr – und Wil hat nun wirklich kein Wüstenklima…). Zudem beträgt die Fläche nur gute 350km2. Nun ja, die „Wüste“ ist sehr speziell. Praktisch alles ist grün – Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe grasen hier. Dazwischen gibt’s die völlig erodierten Areale, welche die „Wüstenlandschaft“ ausmachen. Aber auch hier gibt’s massive Variationen: es gibt den roten, grauen und grünen Teil. Dazwischen überall Kakteen, die mehrheitlich im Gras wachsen… noch nie sowas ähnliches gesehen – sehr spannend. Und zur Nacht der Sternenhimmel…wow. Bei der Sternwarte doziert Professor Julio jeden Abend ab 18:45 Uhr für die Schüler des nächst gelegenen Dörfchens Villavieja und für Fr. 5.- dürfen auch Touristen zuhören und auf der Terrasse mit den riesigen Teleskopen den Sternenhimmel betrachten. Gute drei Stunden lang dauerte der interaktive „Vortrag“ J sehr cool. In der Cabaña nahe der Sternwarte habe ich herrlich geschlafen – bei ganz viel nächtlichem Regen… am Morgen ging die „Wüstentour“ noch für 3h weiter und dann wieder die 4km zurück ins „Wüstendorf“ Villavieja. Von da via Neiva weiter bis nach Rivera, einem einheimischen Insider-Tipp. Hier gibt es eine schöne Thermalquelle ganz oben am Hügel.
Am Folgetag dann weiter nach Tierradentro – die Fahrt dahin dauerte 10,5h statt wie üblich 5h… einmal mehr eine Bus-Panne und dann kein Anschluss… jaja, die Busfahrten in Lateinamerika können einem einen ganzen Tag rauben… hatte eigentlich geplant, den ersten Teil schon am Montagnachmittag zu besichtigen, aber eben…um 19 Uhr ankommend, gab’s nicht einmal mehr ein Nachtessen in dem einzigen Restaurant in Tierradentro!! Nur auf Voranmeldung in der Nebensaison… Das Kaff besteht aus einer Strasse, 2 Museen und links und rechts der Strasse je etwa 10 Häuser – davon die Hälfte mit Schlafmöglichkeiten für Touristen. Die Strasse den Berg hoch eine einzige Katastrophe. Ich hatte mich echt gefragt, wie die UNESCO vor 16 Jahren hierher kommen konnte und die Stätte zum Welterbe ernennen, wenn bis heute keine asphaltierte oder betonierte Strasse dahin führt und in täglicher Sisyphus-Arbeit das Geröll von der Strasse entfernt wird… wie auch immer, die Stätte ist wirklich einzigartig. Abgesehen davon, dass wir uns am ersten Tag verliefen, weil es keine richtige Beschilderung gibt und wir 3-4h lang ins falsche Tal liefen, war’s der Aufenthalt mehr als wert. Das Verlaufen kostete natürlich einen weiteren Tag, der meinen „Zeitplan“ nochmals veränderte… Die Grabstätte in Tierradentro liegen alle in 2-8m Tiefe. Das imposante daran aber ist, dass die (Massen- bzw. Familien-)Gräber in den Fels gemeisselt wurden! Die Grabkammern sind bis ca. 10m breit und ca. 5m lang, einige sogar „doppelstöckig“. Teils sind noch die originalen Treppenstufen runter zum Grabeingang zu sehen. Gigantisch, wie alles von oben her in den Fels gemeisselt worden ist und unten in einer grossen, mit Stützsäulen versehenen und mit roter, schwarzer und weisser Farbe bemalter bzw. dekorierter Halle endet, wo ebenfalls in den Fels eingemeisselt Löcher für Grabschmuck wie Vasen vorgefertigt wurden. Wow – die Fotos sind nicht halb so eindrücklich wie die Realität. Ganz imposant auch, dass praktisch alle Gräber auf engstem Raum an den höchsten Punkten, der Bergkrete, in Tierradentro liegen. Heute sind die Felsen/Berge mit Gras überwachsen, darunter liegen aber dutzende von Gräbern, die (noch?) nicht ausgegraben sind – so werden sie auch besser konserviert. Die meisten Gräber wurden von den Konquistadoren und den späteren Archäologen geplündert. Ganz viel Gold ging dabei verloren – einiges ist aber noch im Gold-Museum in Bogotá zu besichtigen (was ich morgen auch tun werde). 
Die zahlreichen Verspätungen bei den Busfahrten sowie das Verlaufen in Tierradentro, brachten meinen „Zeitplan“ so durcheinander, dass mich die „Rundreise“ nicht nach Popayan zurück führte sondern von Neiva aus direkt nach Bogotá.
Seit gestern bin ich nun also in Bogota, der dritthöchsten Hauptstadt der Erde (auf 2600m) und der Stadt, die so viele Einwohner hat, wie die ganze Schweiz… von Süden her kommend, sah ich schon mal die ganze Armut der Stadt - gegen Norden hin verändert sich das Stadtbild deutlich! Mehr Grünfläche, schönere Häuser - ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Heute war ich in Zipaquirá, einer kleinen Stadt im Norden von Bogotá, bekannt für die Salzminen. Hier werden 40% des Salzes des ganzen Landes abgebaut und in der Salzmine gibt es eine eindrückliche Kathedrale (für alle Matura-Kollegen, die mit mir in Polen waren: die Salzmine in Wieliczka ist viel, viel imposanter!). Heute kam auch Oli hier an und wir werden meine letzen 7 Wochen gemeinsam verbringen – ich freue mich sehr darauf.
Hasta la vista!

Dienstag, 8. November 2011

Ecuador

Ecuador ist etwa 6x so gross wie die Schweiz und hat knapp doppelt so viele Einwohner. Ich war ja schon vor knapp 5 Jahren einmal hier – es war richtig schön, wieder hierher zu kommen. Vieles war so vertraut und vieles war so neu. Ecuador verändert sich rasch. Das eindrücklichste hier ist wahrscheinlich die „soziale Schere“. In den touristischen Vierteln der Städte und Touristenorten sieht man kaum Armut – verlässt man diese Orte, wimmelt’s nur so davon. Wo man als normaler Tourist hin kommt, sieht man wenig Armut und dann fragt man sich, wie ein monatliches Durchschnittseinkommen von 450US$ zustande kommt. Das Land ist wie in drei Teile geteilt: die Küstenregion, das Hochland und der „Oriente“ – das Amazonasbecken. Dies ist mit Abstand die ärmste Region des Landes.
Spät nachts kam ich also in Quito an! Später wurde es auch deswegen, weil abends die Sicht oftmals sehr schlecht ist und die Wetterverhältnisse hier im „Winter“ halt nicht so optimal sind… nun ja, der Pilot kurvte noch etwa eine halbe Stunde über der Stadt an den Vulkanen vorbei, bevor wir dann endlich landen konnten. Danach ging’s gleich in den Dschungel. Per Bus über die Anden bis nach Tena, dann weiter mit dem Taxi und schlussendlich noch ein paar Minuten mit dem Boot den Rio Aranjuno hoch zur Dschungel-Lodge. Die Zeit im Dschungel war sehr intensiv und ich kam in den Genuss von Dschungelmedizin und dufte einigen „Heilritualen“ beiwohnen. Ansonsten gab’s mal ne Tour durch den Dschungel, Bootsfahrten auf dem Aranjuno-Fluss zu einem kleinen Dörfchen oder Baden bzw. „Tubing“, mit den Reifen den Fluss runter düsen. Der Dschungel ist ja voll von „unbekannten“ Tieren. Die mühsamsten waren aber die alt-bekannten Mücken und Sandfliegen…dafür ist es einfach herrlich, wenn die Vögel und Zikaden einen in den Schlaf singen und die aufs Dach prasselnden Regentropfen das Schlagzeug und der Donner den Bass im Konzert übernehmen.
Nach gut zehn Tagen im Dschungel ging’s dann wieder zurück nach Quito. Das lustigste war dann, dass ich im Touristenviertel wieder das Hotel versuchte zu finden, wo ich vor 4.5 Jahren war. Et voilà. Zuerst am Coiffeur vorbei und dann sah ich das Internet-Café und den Mini-Markt, die Gegenüber des Hotels liegen. So checkte ich also wieder im gleichen, schönen Hostel ein wie damals. Wahrscheinlich war es sogar das gleiche Zimmer wie damals J gut, dann kam meine „legendäre“ Cotopaxi-Tour, die an anderer Stelle beschrieben ist.
Danach ging ich nach Mindo, ein kleines Dörfchen zwei Stunden von Quito, bekannt für die schöne Landschaft und die Wasserfälle. Ja, war schön, aber nichts Welt bewegendes. Wasserfälle sind einfach schön. Eine Canopy-Tour gab’s da auch noch zu machen, was wieder einmal lustig war. 1h lang über den Nebelwald gleiten J
Da Mindo so klein ist und keinen Bankomaten hat, musste ich das Dörfchen bald wieder verlassen und fuhr nach Guayaquil, der grössten Stadt Ecuadors an der Küste. Guayaquil ist quasi das Zürich von Ecuador, nicht Hauptstadt, aber Wirtschaftszentrum. Man hört ganz viel Schlechtes über diese Stadt, aber ich empfand sie weder gefährlicher als Quito noch so hässlich, wie alle behaupten. Im Gegenteil. Der Malecón, die Fluss-Promenade im Stadtzentrum, die bis zu Las Peñas hoch reicht, ist sehr schön. Las Peñas ist ein Künstlerviertel an einem Hügel mit lauter farbigen Häusern. Wenn man die 444 Treppenstufen bis zur Kapelle und dem Leuchtturm hoch geht, hat man eine wirklich schöne Sicht auf die ganze Stadt. Im Stadtzentrum gibt’s eine riesige Kathedrale und grad davor liegt der Leguan-Park, wo um die Mittagszeit die Leguane von den Bäumen runter kommen und sich von Einheimischen und Touristen füttern lassen – zum Anfassen nahe. Und der grosse Friedhof. Friedhöfe in Lateinamerika sind etwas ganz Spezielles. Hier werde kleine Mausoleen oder sonst irgendwelche Bauten hingestellt. Nur die Armen scheinen vergraben zu werden, alle anderen haben ihr „letztes Haus“ überirdisch.
Das Wochenende verbrachte ich in Montañita – eines der beliebtesten Wochenendausflugsziele junger Ecuadorianer. Sonne, Strand und Party – das ist Montañita.
Nach Guayaquil ging ich wieder ins Hochland. Cuenca ist die drittgrösste Stadt Ecuadors und die Altstadt – wie in Quito – UNESCO-Weltkulturerbe. Eine sehr schöne koloniale Stadt mit diesem Anden-Flair. Da um Allerheiligen/Allerseelen hier grad die ganze Woche „Ferien“ war, und in Cuenca am 3.11. der Unabhängigkeitstag gefeiert wurde, waren die Hotels alles ziemlich voll – v.a. mit einheimischen Touristen. Aber ein lustiges Spektakel – beispielsweise „fútbol comico“ wurde in einem Park gespielt, Esel gegen Clowns. Aber dies nur etwas – die ganze Stadt war auf den Beinen, an jeder Strassenecke standen Strassenkünstler, Komiker, Musiker, Michael Jackson-Imitanten etc. Einfach super, so einem 3-Tages-Stadtfest beiwohnen zu können. In Cuenca werden übrigens auch die legendären Panama-Hüte hergestellt - warum? keine Ahnung...
Nach ein paar Tagen Cuenca fuhr ich dann weiter nach Baños – einem weiteren Touristenmagneten… Baños liegt noch auf 1800m, aber schon Richtung Amazonas. Das Städtchen ist ein Paradies für Natursportler – und wie der Name schon sagt, bekannt für die Thermalquellen. Hier kann man so ziemlich alles machen. Klettern, Canyoning, Canopy, Rafting, Biken, Wandern etc. Nach der Canyoning-Tour wurde ich dann aber krank, bekam etwas Fieber und hab daher von all den Aktivitäten nicht viel mitgekriegt… aber „Uña de Gato“ (Katzenkralle) hilft bei allem J in Baños gibt es auch einen Schweizer, der hier ein Schweizer Restaurant aufgebaut hat. Nach dreieinhalb Monaten gab’s also endlich, endlich mal wieder richtigen Käse! Ein Fondue!! Hammer. Endlich konnte ich meinem Käse-Entzug Herr werden. Den Käse bezieht Patrik bei Floralp Ecuador – voll cool J
Ein Bad in den heissen Quellen dufte natürlich nicht fehlen – ein fantastischer Ort für alle Kneipp-Fans. Und auch von einem der vielen Massage-Angebote profitierte ich; wirklich die bisher beste Massage in Lateinamerika.
Als dann das Wetter umschlug, war klar, dass ich nicht mehr länger in Baños blieb. So fuhr ich wieder nach Quito, blieb eine Nacht hier und versuche nun heute über die Grenze nach Kolumbien zu kommen. „Versuche“ deshalb, weil es einmal mehr eine sehr umständliche Angelegenheit wird – wie so oft an Grenzübergängen… aber auch das wird klappen.
Obwohl es noch einiges zu sehen gäbe, habe ich nach 5 Wochen Ecuador nun genug. Es bleiben viele wunderschöne Erinnerungen an meinen zweiten Aufenthalt hier. Ich freue mich jetzt aber sehr auf Kolumbien, denn alle Reisenden schwärmen so sehr von diesem Land!

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Ecuador - Cotopaxi & co

Ich bin nun schon seit gut drei Wochen in Ecuador. Es ist sehr schön wieder hier zu sein! Zuerst war ich mal rund zehn Tage im Urwald und ein paar Tage in Quito, aber dazu ein andermal.
Als ich den Entschluss fasste, nochmals nach Ecuador zu gehen, war gleichzeitig auch mein Ziel, den Vulkan Cotopaxi diesmal ganz zu besteigen und nicht nur bis zur Berghütte, welche als Ausgangspunkt für die Besteigung dient.
Quito liegt ja auf rund 2800m. Da ich etwas Respekt vor der Höhenkrankheit bzw. ungenügender Akklimatisation für mein Vorhaben hatte, ging ich letzten Freitag mit dem Teleferico zum Aussichtspunkt hoch über Quito. In 10 Minuten mit der Gondelbahn von 3000m auf 4000m und dazu eine super Aussicht über die ganze Stadt! Von der Bergstation aus führt ein Weg zum Gipfel des Rucu Pichincha, dem eigentlichen Hausberg Quitos, der aber allzu oft in einer Nebeldecke liegt…so auch letzten Freitag. Nun ja, ich hatte mich entschieden, da hoch zu gehen, also ging ich auch.  Bei Regen, Schneegestöber und eisig-kaltem Wind erreichte ich dann auch den Gipfel auf 4696m – sogar viel schneller als „geplant“ und ohne Höhenprobleme. Leider war bei solchen Wetterverhältnissen nichts mit schöner Aussicht…dafür hatte ich nachher in Quito wieder Sonnenschein.
Samstag war dann Ruhetag und ich buchte nun definitiv die Cotopaxi-Tour sowie für Sonntag eine geführte Tour auf den Iliniza Norte, 5116m. So wurde ich Sonntagmorgen von Frank, meinem 25-jährigen Führer, abgeholt. Wir plauderten eine Runde und auf dem Weg dahin klingelte sein Telefon mehrmals. Er fragte mich dann, ob es okay wäre, wenn seine Frau auch mitkomme… klar doch. Um 8Uhr waren wir dann am Fusse des Vulkans auf ca. 3700m. Zuerst ging’s zur Berghütte, welche zwischen Iliniza Norte und Sur liegt. Der südliche Iliniza ist ganzjährig schnee- und eisbedeckt, auf dem nur 150m kleineren nördlichen Iliniza liegt praktisch nie Schnee – ausser dieses Jahr, aber nicht genug, um Steigeisen mitzunehmen. Wir erreichten die Berghütte auf 4700m problemlos nach zwei Stunden. Auf dem Weg sahen wir auch zum Cotopaxi rüber J nach einem Koka-Tee ging’s gestärkt weiter Richtung Gipfel. Frank ist ein junger, relativ unerfahrener, aber guter Führer. Er musste einige Male nach dem Weg suchen, was seine Unsicherheit noch verstärkte. Es war eine schöne Sonntagstour mit mit Frank und seiner Frau, ausser, dass sie massive Höhenangst hat und die letzten Höhenmeter für sie beinahe zur Tortur wurden, da es schon ziemlich steil war und wir auch frei klettern mussten! Punkt Mittag waren wir dann auf dem Gipfel und die Aussicht…naja…einmal mehr nur weiss um mich herum L schade. Runter ging’s dann schneller. Das ist ja das Schöne oder eben auch Mühsame an diesen Vulkanen: Sand und Geröll. Hoch geht’s zwei Schritte vor und einen zurück, runter kann man ganz einfach rutschen oder „rennen“.
Also abgesehen von zwischenzeitlichen Schwindelattacken, die sich nach einer kurzen Pause wieder legten und einem leichten Druckgefühl im Kopf, das mit abnehmender Höhe auch wieder verschwand, war auch dieser Aufstieg erfolgreich.
Dann übernachtete ich in Machachi, das auf 3000m liegt und wo auch Frank wohnt. Abgesehen davon, dass es arschkalt war in meinem Hotelzimmer, weil das Fenster nicht ganz geschlossen werden konnte und kein anderes Zimmer frei war, war die Übernachtung in dem kleinen Bergstädtchen ganz ok – und Kälte-angepasst war ich jetzt auch. Hatte also noch nie zuvor in Thermo-Unterwäsche in einem Hotelzimmer übernachten müssen…
Gegen Mittag holte mich Frank dann wieder ab. Mit dabei waren nun auch zwei Flachland-Deutsche, Fabian und Bodo, ein Freund von Fabians Vater. Gemeinsam mit einem weiteren Führer, Segundo (ein Onkel von Franks Frau), ging’s dann Richtung Cotopaxi-Berghütte. Der Autoparkplatz liegt auf 4500m, danach sind’s noch 300 Höhenmeter bis zur Hütte. Auf dem Weg dahin begann es bereits zu schneien bzw. auf unserer Höhe war es zuerst noch Eisregen, danach Hagel… jedenfalls lag dann Neuschnee bis runter auf ca. 4200m. In der Hütte angekommen, wurde uns schon mal klar gemacht, dass die Tour bei so viel Neuschnee sehr anspruchsvoll sei. Um 17:30 Uhr gab’s Abendessen (Spaghetti! Auf der Höhe – und sie waren +/- al dente!) und eine gute Stunde später legten wir uns „schlafen“: 1 Paar Wollsocken, lange Unterhose, T-Shirt, Pulli, Mütze, Handschuhe und ab in den Schlafsack. So war’s grad knapp angenehm – Fabian hingegen fror die ganze „Nacht“ durch (mit Jacke!). Um Mitternacht wurden wir dann geweckt – wir hatten bis dahin alle nur wenig geschlafen. Zum Frühstück gab’s Joghurt mit Zerealien, Brot, eine Banane und Koka-Tee. Wir waren dann die letzte von 7 Gruppen, die die Hütte verliessen und starteten um 1:15 Uhr. Bis zum Gipfel sind’s 6-7 Stunden. Los ging’s noch ohne Steigeisen und Seil, diese werden erst an der Gletschergrenze auf 5150m montiert. Wir waren also die letzten und unsere beiden Führer legten gleich mal ein gutes Tempo vor, so dass wir bis zur Gletschergrenze nach ca. 1-1,5h nur noch die Brasilianerin mit ihrem Führer vor uns hatten. Bodo’s Kopf schmerzte leicht. Wir andern waren soweit ok, wie man dies in dieser Höhe sein kann… das Atmen wurde mit jedem Schritt etwas anstrengender und die Intervalle bis zur nächsten Pause zunehmend kürzer. Auf ca. 5300m galt es, die grossen Gletscherspalten zu überqueren. Bis dahin hatten wie dir Brasilianerin mit ihrem Privat-Führer auch schon überholt. Bodo hatte mittlerweile auch seinen Privatführer, Frank, und ging hinter uns. Fabian und ich waren mit Segundo in einer Seilschaft. Segundo peitschte uns förmlich den Berg hoch. Die Querung der Gletscherspalten nahm einige Zeit in Anspruch, Stellenweise war reines Eisklettern angezeigt und ich fragte mich wirklich, ob dies der einzige Weg sei…aber bei der Dunkelheit (es war Neumond und ein wunderschöner, sternenklarer Nachthimmel) konnte ich ja auch nichts sehen und wenn auch… ER ist der Führer und macht dies seit 14 Jahren – er wird es schon wissen. Nun ja, wir passierten die „grietas“ relativ problemlos und Segundo musste weiterhin eine neue Spur in den Neuschnee legen. Beim Blick hinunter sahen wir die vielen Lichter der Stirnlampen der anderen Gruppen an der grossen Spalte. Das Atmen und Denken wurde nicht leichter und die Temperatur auch nicht wärmer. Die „Schwindelzustände“ nahmen auch zu. Es war am einfachsten, nichts zu sagen und einfach zu schauen, dass ich mit jedem Tritt meine Steigeisen richtig fest durch den Schnee ins Eis bohren konnte. Die Steigung war zwischenzeitlich so gross, dass wieder Eisklettern angesagt war – normales Gehen ging nicht mehr. Ich war echt froh, war’s dunkel… nur der Sternenhimmel und in der Ferne die Lichter von Quito, welche den Himmel so erhellten, dass ich schon früh mal glaubte, die Sonne gehe schon auf…. Die Lichter der anderen Gruppen waren verschwunden, wir waren nun aber auch an der Westseite und nicht mehr am Nordhang…trotzdem, wir waren alleine. Die Neuschneedecke wurde immer tiefer, jeder sackte mehrmals ein, das Gehen wurde immer anstrengender, die Marschzeiten bis zur nächsten Pause nur noch kürzer, trotzdem dachte ich nie ans Umdrehen. Segundo erzählte immer mal wieder was – wir konnten ihm nicht mehr zuhören und sagten einfach, er solle langsam weitergehen und wir melden uns, wenn wir eine Pause brauchen. Gegen 6 Uhr ging die Sonne auf. Wir auf der Westseite auf gut 5700m. Standen also in der Kälte, sahen dafür auf die Ilinizas sowie den Schattenkegel, welcher der Cotopaxi auf das Land warf. Wir wussten: es fehlt nicht mehr viel, aber Fabian und ich waren ziemlich am Ende. Wir gingen weiter. Langsam. 1-2 Minuten vorwärts, dann eine Minute Pause. Unsere Herzen rasten, mein Puls war wohl konstant um 180. Es war extrem steil. Ohne Eispickel ging gar nichts mehr, wir mussten einfach hoch bis es irgendwo wieder etwas flacher wurde. Im Steilhang war an eine Pause nicht zu denken, zu anstrengend war das „Stehen“. Dann sahen wir den Gipfel…nein, noch eine Kurve und erst da lag er, zum Greifen nah, aber wir benötigten nochmals 3-4 Pausen…Fabian’s Magen wollte sich grad entleeren, doch dann schien mir plötzlich die Sonne ins Gesicht und ich stand auf dem Gipfel! Wow, unglaublich. 6:50 Uhr. Die Gefühle waren überwältigend. 5897m! Die Sicht war fantastisch! Ein gigantisches Nebelmeer und dazwischen ragten all die 5000er hervor und im Süden hatten wir freien Blick auf den Chimborazo, den einzigen 6000er Ecuadors. Gemessen vom Erdmittelpunkt aus, ist der Chimbo der höchste Berg der Welt (die Erde ist ein Rotationsellipsoid und daher am Äquator „dicker“). So gesehen ist der Cotopaxi der dritthöchste Berg der Welt bzw. anders gesagt, es gibt nur zwei Punkte, die einen näher an den Himmel bringen J Nach dem „Gipfel-Snickers“ und unzähligen schönen Genuss-Blicken, ging’s eine halbe Stunde später wieder runter – der Schnee erwärmte sich ja langsam und die Lawinengefahr nahm zu. Keine andere Gruppe kam uns mehr entgegen. Bodo und Frank erwarteten uns am Yanasacha auf 5700m. Weiter ging’s bei ihm nicht mehr. Gemeinsam gingen wir zurück zur Hütte. Als wir unsere Spuren zurückverfolgten und sahen, wo wir bei aller Dunkelheit hoch gingen…naja, also bei Tageslicht hätten dies wahrscheinlich noch mehr Überwindung gebraucht, aber bei Dunkelheit und all dem Adrenalin ging’s irgendwie… wir sahen nun aber auch die Schönheiten des Gletschers – fantastisch!
Gegen (halb) 10Uhr waren wir wieder zurück in der Hütte – alle völlig am Ende, aber überglücklich.
Es war etwas vom Schönsten, was ich je gemacht habe, aber wohl auch die extremste Grenzerfahrung in meinem Leben.
Der Cotopaxi ist zwar der meist-bestiegene und wohl schönste Berg Ecuador’s, aber nur etwa 20% aller „Anwärter“ schaffen es auch bis zum Gipfel! Klassifiziert wird er trotzdem als „einfach-durchschnittlich“… die Tatsache, dass die meisten Leute an den grossen Gletscherspalten scheiterten und umdrehen mussten, widerspricht dieser Klassifikation eindeutig… Jetzt wäre eigentlich noch der Chimborazo an der Reihe, 6310m. Frank meinte aber: „el come hombres“ (er isst Menschen). In der Tat sterben immer wieder Leute da oben. Technisch sei er extrem schwierig und insbesondere zu dieser Jahreszeit (Winter) ist dies sicherlich keine gute Idee.
Ich bin auch so überglücklich, gestern den Gipfel des Cotopaxi erreicht zu haben und grüsse euch alle herzlich aus Quito, wo mein Ecuador-Aufenthalt noch ein wenig weiter geht!

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Belize & Mexico

Um es vorweg zu nehmen, der Titel ist übertrieben: genauer wäre Caye Caulker und Tulum!
Wie bereits geschrieben, fuhren wir direkt von Flores über die Grenze nach Belize-City – was übrigens nicht die Hauptstadt von Belize ist, sondern Belmopan. Belize ist ein ziemlich zivilisiertes Land, mit einem bunten Mix an Ethnien, ist rund halb so gross wie die Schweiz, hat aber gerade mal 300‘000 Einwohner. Hier wohnen Kreolen (Nachfahren afrikanischer Sklaven und britischer Piraten), Mestizen („Mischlinge“ mit europäischen und indigenen zentralamerikanischen Wurzeln), Mayas sowie die Garífunas im Süden des Landes, die von südamerikanischen Ureinwohnern und Afrikanern abstammen. Entsprechend viele Sprachen findet man hier: kreolisch, Garífuna, Spanisch, Maya und Englisch, wobei letzteres kein „reines“ Englisch ist… eigentlich hat man eher das Gefühl, man sei auf Jamaica gelandet… „cool runnings“ lässt grüssen! Das Land hat eine eigene Währung, den Belize-Doller, welcher eigentlich völlig überflüssig ist, da überall mit US-Dollar bezahlt werden kann und der Wechselkurs konstant bei 2:1 liegt…
Belize ist v.a. für Taucher und Schnorchler ein Begriff, denn vor der Küste liegt das zweitgrösste Riff unseres Planeten (nach dem Great Barrier Reef in Australien) und mitten drin liegt das „Blue Hole“.
Von Belize-City ging’s mit dem Boot dann direkt auf die Insel Caye Caulker, um etwas näher am Riff zu sein ;-) Die Insel wurde 1961 durch den Hurrikan Hattie in zwei Teile geteilt und wer nach einem schönen Strand sucht, wird hier nicht fündig – dafür ist der nördlichere Teil sowie die weiter nördlich davon gelegene Insel zuständig. Zum Tauchen und Schnorcheln im Riff brauchte ich dies aber nicht. Bei der Ankunft stand bereits auf einem Schild: „welcome to Caye Caulker – go slow“. So ist es auch. Die Leute hier sind niemals gestresst – ein grosses Steak oder Fisch auf dem Grill mit einem (oder mehreren) Bier, danach einen Joint rauchen und dazu ständig Bob Marley hören und über irgendwelche belanglose Dinge diskutieren oder sich das nächste Tattoo stechen lassen, dazu natürlich der passende Reggae-Hut tragen – das ist Caye Caulker. Natürlich sind Drogen verboten, aber trotzdem besitzt irgendwie jeder irgendein Kraut oder Pulver, das er unter die Touristen bringen will… Die Leute sind und bleiben aber nett auch wenn man ablehnt.
Die Nebensaison bzw. Regenzeit hat auch seine Tücken. Eine Gruppe von vier Leuten erwartete unser Boot bereits am Dock um noch mindestens drei weitere tauchfreudige Leute zu finden, da sonst die Tour zum Blue Hole nicht stattfindet. Que suerte – wir waren drei! Somit war der Tagesausflug für den Folgetag perfekt. Ganze zwei Stunden dauerte die Bootsfahrt. Das Blue Hole heisst so, weil es aus der Vogelperspektive wie ein blaues Loch aussieht. Was ist aber so spannend daran? Das „Loch“ ist eigentlich eine eingestürzte Kalksteinhöhle. Sieben Meter unter dem Boot war also ein „Boden“, quasi das Dach der Höhle und gleich nebenan ging’s 120m in die Tiefe. Schwarz soweit das Auge reicht…etwas unheimlich im ersten Moment, da einfach in dieses schwarze Nichts abzutauchen. Ich drehte mich um und plötzlich waren da drei Riff-Haie – wow, geil. Nochmals umdrehen und da waren’s insgesamt schon sieben – hammergeil!! In etwa 30m Tiefe sieht man dann die riesigen Stalaktiten mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern. DAS ist das sonderbare und einzigartige am Blue Hole! Mal abgesehen davon, dass anscheinend fast immer Haie gesichtet werden! Die Haie begleiteten uns auch noch ein Stück J
Danach ging’s noch zu zwei anderen Tauchspots im Riff, wo wir wiederum Schildkröten, Rochen und hunderte anderer Fische sahen – ein wahres Tauchparadies! Nach einem Tag relaxen, ging ich dann auch noch Schnorcheln. Das Wasser ist sehr seicht hier – auch Kilometer von der Insel entfernt. Das Schnorcheln war viel besser als erwartet! Wir konnten wiederum mit Haien schwimmen, diesmal aber zum Anfassen nahe (jedoch „nur“ kleine also so 1.5-2m lange „nurse-sharks“), ebenso die Stachelrochen! Ja, der Abstecher auf Caye Caulker hat sich wirklich gelohnt; auch für die Sonnenauf- und –untergänge! Einfach Traumhaft.
Von Caye Caulker ging ich dann per Boot direkt über die Grenze nach Mexico. An einem strömenden Regentag waren die Strassen in Chetumal knöchelhoch mit Wasser überflutet…ob da wohl jemand in gewissen Stadtteilen die Kanalisation vergessen hat? Naja, jedenfalls fand der Taxifahrer den Weg zum Busbahnhof und ich fuhr gleich weiter nach Tulum. Tulum ist ein kleines Dorf, das eigentlich nur aus Häusern links und rechts der stark befahrenen Hauptstrasse besteht. Bekannt einerseits für die Ruinen direkt am Meer und andererseits für die „Cenoten“. Ein Cenote ist ein Loch, das durch den Einsturz einer Höhle entstanden ist – auf der Yucatan-Halbinsel existieren hunderte von Cenoten. Ich musste mir natürlich beide „Sehenswürdigkeiten“ anschauen. Das Tauchen im berühmtesten Cenote, dem „dos ojos“ war super. Eine ganz neue Erfahrung, denn die Cenoten sind mit Süsswasser gefüllt und entsprechend kleiner ist der Auftrieb verglichen mit Salzwassers. Zudem war das Wasser kalt – 20°C, nicht 30°C wie sonst überall im karibischen Meer und kristallklar, so dass man von einem Ende zum anderen sehen konnte (sofern genügend Licht in die Höhle drang). Also Neoprenanzug war angesagt und wir waren alle sehr, sehr froh darum. Die Cenoten gleichen sehr einer Tropfsteinhöhle, nur dass man sie nicht zu Fuss begehen kann und es stock finster ist. Leben gibt es da nicht viel drin, nur ein paar Fischchen, Krebse und angeblich auch ein kleines, scheues Krokodil. Nebst den imposanten Formationen war halt der optische Effekt des Lichteinfalls ins kristallklare Wasser einfach wunderschön.
Dann besuchte ich wie gesagt noch die Ruinen. Tulum war wohl in der nach-klassichen Hochblütezeit der Maya eine Hafenstadt. Die Lage mit Ruinen am Meer mit Palmen, Kliffs und Strand ist einzigartig und einfach nur beeindruckend – die Ruinen selbst sind deutlich weniger eindrucksvoll. Man kann hier im Meer schwimmen und die Ruinen über dem Kliff bestaunen.
Während die Sonne hinter den Regenwolken verbogen war, liess ich mir am Folgetag die Haare schneiden J der ältere, verwitwete Mexikaner hatte dies aber gut im Griff, so dass ich mir auch gleich noch meinen Dreitagebart schneiden liess – sehr lustig! Das Bartschneiden dauerte gefühlt etwa doppelt so lange wie die Haare. Fazit: selber Schneiden geht deutlich schneller und wird sauberer. Lustig war’s trotzdem und für rund Fr. 5.- kann man nicht viel sagen. Danach schien dann auch die Sonne wieder und ich konnte doch noch am Strand relaxen. Der Strand hier soll mit Abstand der schönste in der ganzen Umgebung sein, weshalb ich mir die Fahrt nach Cancun, Isla de Mujeres und Playa del Carmen sparte.
Konkrete Reisepläne hatte ich ja nie wirklich, jetzt hab ich aber einen – wenigstens für kurze Zeit. Drum ist jetzt halt abrupt Schluss mit Mexico und ich gönne mir einen Flug Richtung Süden, wo’s weniger warm ist und die Regenzeit in vollem Gang ist. Ich freue mich trotzdem so sehr auf ein Wiedersehen mit Ecuador!

Dienstag, 27. September 2011

Guatemala

In Antigua Guatemala, der ehemaligen Hauptstadt Guatemalas, blieb ich nur eine Nacht, da am Sonntag Präsidentschaftswahlen waren und somit ab Samstagmittag „alles“ geschlossen war. Es darf auch kein Alkohol verkauft werden, weshalb die meisten Restaurants und praktisch alle Bars geschlossen sind. Darum fuhren wir weiter zum Lago Atitlan auf 1600m. Eine wunderschöne Gegend. Drei markante Vulkane umgeben den See, welcher etwa ¼ der Fläche des Bodensees ausmacht. Ich wollte dann am kommenden Tage auch Gleitschirmfliegen über dem See, das Wetter spielte aber leider nicht mit – Regenzeit halt… L
So besuchte ich die umliegenden Dörfer per Kayak und Schnellboot. Da natürlich auch hier gewählt wurde, war am Sonntag auch nicht ganz alles offen, aber am See lässt sich die Zeit einfacher geniessen als in einem Hostel in einer Stadt, jedoch ist baden in dem doch ziemlich verschmutzten See nicht unbedingt die 1. Wahl… Die Wahlen sind ein riesen Event für die Bevölkerung hier und überall hängen Plakate und zeigen auch gleich, WIE man das Kreuz auf dem Wahlzettel machen muss… Die Guatemalteken hatten 5 Personen zur Auswahl, die beiden Favoriten machten dann auch das Rennen und es kommt im November zu einer Stichwahl zwischen dem „Mafiosi“ und dem „Völkermörder“… die Qual der Wahl, das geringere Übel wird dann hoffentlich gewinnen…
Vom See nahm ich dann wieder einmal einen öffentlichen Bus weiter ins Hochland nach Quetzaltenango, kurz auch Xela genannt (Abkürzung des Maya-Namens). Da am 15. September auch noch der Unabhängigkeitstag (Nationalfeiertag) Guatemalas war und das halbe Land nach Xela kam, war ziemlich viel los und mir wurde vorausgesagt, dass ich die nächsten vier oder fünf Tage hier wohl kaum weg komme… jeder sagt etwas anderes, keiner weiss jeweils genau, was wie wo, aber alle haben immer eine Antwort.
In Xela traf ich Steph und Livia, meine ehemalige Nachhilfe-Schülerin aus Bern J zu dritt war es dann auch einfacher, Touren zu buchen – alleine hätte ich keine Tour buchen können während dieser Fest-Zeit! Wir entschieden uns für den Vulkan Tajumulco, den höchsten Berg Zentralamerikas (4220m.ü.m). Von der Zweitagestour wurde uns aufgrund der hohen Regenwahrscheinlichkeit, welche v.a. nachmittags und abends zu tragen kommt, abgeraten, so dass wir den Berg in einem Tag erklommen. Um 4:30Uhr ging’s los. Mit der alten Klapperkiste dauerte die Fahrt zum Fusse des Vulkans aber rund zweieinhalb Stunden L nach knapp drei weiteren Stunden erreichten wir dann den Gipfel – leider zogen immer mehr Wolken auf, aber wir konnten einige Blicke bis zum Pazifik erhaschen. Die Aussicht war echt gigantisch, jedoch jeweils nur für sehr kurze Momente. Der Aufstieg war im Übrigen nicht sehr schwierig, einfach die Höhe erschwert das Atmen natürlich ein wenig.
Am Abend gab’s dann noch eine gratis Salsa-Tanzstunde dazu J Als Einführung ganz gut – mehr werde ich mir dann wahrscheinlich in Kolumbien oder so gönnen! Danach waren wir aber so müde, dass wir nicht an der grossen Party auf der zentralen Plaza teilnahmen bzw. nur kurz. Ein riesen Fest, das so etwas wie ein grosses Strassen-Stadtfest gemischt mit einem Fasnachtsumzug repräsentierte. Und eben, extrem viele Leute. Am nächsten Morgen ging’s um 5 Uhr bereits wieder zum nächsten Vulkan und es waren immer noch viele Leute auf der Strasse. Eigentlich wollten wir Lava sehen, der Vulkan Santiaguito ist aber im Moment „müde“ und wir konnten keine Eruption sehen L aber die Aussicht war wunderschön.
Nach Xela ging ich wieder zurück nach Antigua. Ich hatte die Stadt ja quasi übersprungen und wollte unbedingt nochmals zurück, denn die Koloniale Stadt ist sehr gemütlich und schön.
Da selbst die Leute an der Rezeption im Hostel wo ich war noch nie auf dem Pacaya-Vulkan waren und mir keine Auskunft darüber geben konnten, lud ich sie ein, mit mir den Vulkan zu besteigen, was dann auch wahr genommen wurde ;-) Der Pacaya-Vulkan ist ebenfalls bekannt dafür, dass man Fotos neben fliessender Lava knipsen kann. Dieser Mythos die Führer plötzlich ehrlich und gestehen sogar, dass seit der letzten Eruption vor knapp anderthalb Jahren keine Lava mehr gesehen werden kann… jaja, die Guatemalteken haben wirklich ein Flair dafür einem Dinge zu verkaufen, die überhaupt nicht existieren – natürlich hatte ich zuvor, wie denn die Situation heute aussieht, aber da wird einfach gelogen, was das Zeugs hält… sie wollen ja schliesslich nur mein Geld.
In Antigua traf ich dann Tristan, Philippe und Lukas aus Bern. Gemeinsam ging’s dann weiter nach Sémuc Champey im zentralen Hochland. Der Ort ist ein weiterer Touristen-Magnet in Guatemala. Bekannt und berühmt für die schöne Natur und die 300m lange Naturbrücke aus Kalkstein mit zahlreichen Becken, die mit frischem Flusswasser durchspült werden und eine herrliche Kulisse beim Schwimmen bieten. Zuvor ging’s noch in die Höhlen von Semuc. Eine zweistündige Tour mit Kerzen im Wasser durch die Höhle gehend, teils schwimmend und kletternd… eigentlich war die Tour recht gefährlich – jedenfalls könnte man so etwas ohne weitere Sicherheitsvorkehrungen und mit nur einem Führer für über 20 Leute in der Schweiz aus rein rechtlichen Gründen wohl nicht machen.
Nach zwei Nächten in Semuc gings dann weiter nach Flores, dem Ausgangspunkt für eine Tour zu den berühmten Maya-Ruinen in Tikal.
Die Fahrt nach Flores war – wie fast immer in Guatemala – mit einem Minivan. Der Fahrer hatte schon kleine verschlafene Augen als wir los fuhren. Mal fuhr er wie ein Raser, mal sehr langsam, insbesondere wenn er grad mal wieder telefonierte… beim zweiten Stopp verschwand er dann kurz auf dem Klo und kam putzmunter wieder zurück – „Jufli-Pulver“ lässt wohl grüssen… aber lieber so als auf Entzug. Nun gut, abgesehen davon, dass die Fahrt einmal mehr viel länger dauerte als geplant, der Platz im Bus sehr beschränkt und die Hitze nur knapp erträglich war, erreichten wir Flores unbeschadet. Im Bus lernte ich einen weiteren Philipp aus dem Vorarlberg kennen. Er hatte auch von den noch beinahe unberührten Ruinen in El Mirador gehört. Ich hatte ebenfalls davon gelesen und wollte mich in Flores erkundigen. In El Mirador stehen die grössten und höchsten Tempel der Maya-Welt und der Ort ist nur mit einem abenteuerlichen und anstrengenden 5-Tages-Trekk erreichbar. Für nur zwei Personen war die Tour aber sehr teuer, weshalb wir noch abwarteten um zu schauen, ob sich noch mehr Leute dafür interessieren.
Daher ging’s dann am Folgetag zuerst nach Tikal. Tikal ist sehr touristisch, aber sehr sehr beeindruckend! Und die Aussicht, die man heutzutage von den Tempelspitzen über den Urwald hat ist einfach atemberaubend. Die Tempel hier sind etwas älter (ca. 250 – 900 n.Chr.) als jene in Copan und die ganze Anlage ist deutlich grösser und imposanter.
Zurück in Flores machten sich Philipp und ich weiter auf die Suche nach mehr Leuten für die Tour nach El Mirador. Als wir dann eine Agentur fanden, die einen einigermassen tragbaren Preis anbot, waren wir überglücklich. Alles wurde schriftlich festgehalten und wir unterzeichneten den „Vertrag“. Eine halbe Stunde später, nachdem wir unser Geld im Hostel geholt hatten, sah das Ganze dann plötzlich wieder ganz, ganz anders aus. Die Tour fand als doch nicht statt. Wir verhandelten wirklich stundenlang, aber es war nichts zu machen. Nach vier Tagen Suchen und Stürmen verging uns dann langsam aber sicher die Lust an der Tour, obwohl es natürlich eine einmalige Angelegenheit gewesen wäre. Aber die Tour-Agenten logen auch hier alles zusammen, was überhaupt möglich war – leider…
So fuhren wir am nächsten Tag über die Grenze nach Belize, wo wir nun auf Caye Caulker angekommen sind. Morgen früh wird mal wieder eine Tauchausrüstung montiert und ich stürze mich ins Blue Hole um dem zweitgrössten Riff der Welt einen Besuch abstatten und hoffentlich mit Haien und Schildkröten etc. tauchen zu können.

Guatemala ist ein sehr schönes, aber armes Land. Die Leute sind sehr hilfsbereit und freundlich – ausser gewisse im Tourismus arbeitende Leute, die z.T. wirklich extrem mühsam werden können. Die Armut ist sehr hoch, entsprechend „gefährlich“ ist es hier – wenn man sich als Tourist aber an gewisse „Regeln“ hält, hält sich auch dies in Grenzen. Ich hatte zumindest nie Probleme. Bankomaten hier sind aber teils „getürkt“, so dass einem irgendwie die Kontodaten geraubt werden während eines Bargeldbezuges und – so geschah es einem Australier im gleichen Hostel – täglich ein gewisser Betrag abgebucht wurde… oder dass einem an jeder Strassenecke Drogen angeboten werden, gehört hier irgendwie einfach zur Tagesordnung… wirklich schade, dass in einem solch schönen Land die Korruption überhand hat und entsprechend die Schere im Sozialsystem extrem weit gespreizt ist…

Montag, 19. September 2011

Land & Leute

Ich glaube, es ist an der Zeit einmal einige Dinge zu beschreiben, die in den Reiseberichten untergehen… Land und Leute hier sind ja so anders als zuhause. Die Mentalität ist ganz anders, das Handeln und Denken manchmal so ungewohnt – vieles funktioniert einfach ganz anders – aber es funktioniert…

Verkehr:
Die Stassen hier sind oftmals der Wahnsinn. Jeder der bei uns über Baustellen mit nachfolgendem Stau jammert, der soll mal auf diesen Strassen hier fahren. Ich sage euch, Schlaglöcher sind viel, viel schlimmer und behindern den Verkehr deutlich mehr als eine Baustelle – also seid froh, wenn die Strassen regelmässig erneuert werden und klagt nicht über den Stau!!
Eigentlich passt jeder gut auf den anderen auf, obwohl jeder den Vortritt erzwingen möchte… Unfälle sieht man selten, wenn, dann aber sehr schlimme.
Radwechsel am Strassenrand gehört zum Alltag.
Busfahren:
Als erstes muss man mal wissen, wo welcher Bus fährt. Oft gibt es mehrere Busstationen und ein Busfahrplan wie bei uns gibt es nicht. Busse sind nicht immer angeschrieben und das Ticket wird im Bus drin gekauft, wie teuer das Ticket ist, erfährt man meist erst, wenn man es bezahlen muss – gelegentlich zahlt der Ausländer auch etwas mehr…in der Regel so 1$US pro Stunde Fahrzeit.
Oftmals ist quasi jede Strassenecke eine Haltestelle, sprich, man kann den Bus einfach anhalten und einsteigen. Auch wenn der Bus übervoll ist, wird an Haltestellen herumgeschrien und Leute „angeworben“, oft wird auch fahrend ein- und ausgestiegen.
An den Bus-Terminals kommen immer mehrere Verkäufer nacheinander und gehen mit ihren Getränken, Gebäcken, Glacés etc. durch den Bus (man kann diese Busse durch die Hintertür wieder verlassen). Lustig finde ich einfach, dass einer nach dem anderen hereinkommt und genau das gleiche verkauft, wie der vorherige, dem auch schon niemand etwas abgekauft hat…
Während der Busfahrt läuft meistens Musik, oft Radio mit sehr schlechtem Empfang – aber wenigstens kriegt man einen Teil der Nachrichten mit ;-) Die Musik die hier im Radio gespielt wird, entspricht mehr oder weniger unserer westlichen Hitparade, jedoch spielen sie die Lieder mit spanischem Text, was sehr amüsant ist. Und natürlich viele „spanische“ Hits.
Gelegentlich steigen Prediger zu, die dann während der Fahrt aus der Bibel vorlesen, predigen und die Leute zu einem besseren, religiöserem Leben auffordern…
In jedem Bus gibt es mindestens ein Schild/Spruch, wo drauf steht „Jesus beschütze diesen Bus“ oder so ähnlich. Daneben hängen meist auch Schilder „Abfall nicht aus dem Fenster werfen“, jedoch machen dies viele Leute trotzdem… einmal stand eine Polizistin am Busterminal, die dies kontrollierte und die entsprechenden Personen aufforderte, den Müll sachgerecht zu entsorgen!
Einmal hatte mein Bus einen „Platten“. Amüsantes Ereignis… niemand musste aussteigen, der Bus rammelvoll und das Reserverad (das wie alles andere grosse Gepäck auf dem Dach transportiert wird) wurde bei vollem Bus montiert.
Trotz der offensichtlich vielen Nachteile fahre ich sehr gerne mit den „Chicken-Bussen“ (öffentliche Busse). Denn die Sitze sind höher und breiter als in einem Minivan, welche hier als „Shuttle“ benutzt werden, womit ich etwas mehr Beinfreiheit kriege J Busfahren hier ist immer irgendwie ein highlight – es steckt voller Überraschungen.
Einheimische fahren übrigens häufig auf den Ladeflächen von Pick-ups. Das ist sehr witzig und wenn man Glück hat sogar gratis ;-)
Essen:
Alles wird fritiert. Die Ernährung ist sehr reich an Kohlenhydraten (Reis, Bohnen, Kartoffeln, Yuca), Gemüse wird eher spärlich verwendet, obwohl es auf dem Markt in grossen Mengen angeboten wird.
Die Salatsauce besteht in der Regel aus einer mitgelieferten Zitrone, welche man selber über dem Salat auspressen darf. In touristischen Orten hält aber die Mayo auch Einzug… dort kriegt man auch alles andere, europäisch-amerikanische Essen – und ganz viel Fast-food…
Zu trinken gibt es meistens irgendwelche Süssgetränke – Coca Cola, 7Up, Sprite und co lassen grüssen. Oder ein refresco, ein „Erfrischungsgetränk“, jeweils auch mit einigen Löffeln Zucker zuviel – kein Wunder sieht man hier viele dicke Leute…
Das beste Getränk ist der frisch gepresste Orangensaft auf der Strasse. 6-10 Orangen frisch halbiert und ausgepresst für maximal 70 Rappen – fantastisch.
Gesundheit:
Das geschulte Auge sieht hier viele behinderte Leute – habe gemerkt, dass dies nicht allen auffällt. Aber es gibt viele Leute mit z.T. gut versteckten Behinderungen an den Extremitäten. Hinken ist auch weit verbreitet, aber kein Wunder wenn man sieht, was die Leute hier alles schleppen.
Auch Kraniofaziale Dysmorphien sind weit verbreitet. Augenleiden, insbesondere grauer Star und eingeschränkte Sehstärke sind sehr häufig. Neurologische Störungen, v.a. leichtgradig geistig retardierte Leute trifft man nicht selten – ob vieles davon auf die schon ziemlich einseitige Ernährung zurückzuführen ist?
Ein staatliches Gesundheitssystem scheint es in keinem dieser Länder zu geben. Alles muss man selber berappen – entsprechend gehen die Leute natürlich erst ins Spital, wenn’s ganz schlimm oder zu spät ist. Hausärzte: jeder, der das Studium beendet hat, ist quasi automatisch Hausarzt. Die meisten haben dann eine Spezialisierung in einem chirurgischen Fach, operieren also an einigen Tagen pro Woche und sind sonst in ihrer „Praxis“.
Umweltschutz:
Wie schon einmal geschrieben, existiert der Begriff der Nachhaltigkeit sowie des Umweltschutzes. Die praktische Umsetzung dieser theoretischen Begriffe ist noch schwieriger als bei uns. Die meisten Leute hier verstehen einfach nicht, was damit gemeint ist bzw. was sie tun oder eben nicht tun müssen, damit dies auch umgesetzt werden kann. Kein Wunder, früher hat man die Bananenschale einfach noch aus dem Fenster geworfen, warum soll man dies mit der Kecks-Verpackung oder der PET-Flasche nicht auch tun? Mann und frau tat dies hier schon immer so – nur gab es damals halt noch kein Plastik… für die meisten Leute fehlt wahrscheinlich einfach die Entwicklung bzw. der „Evolutionsverlauf“ der Dinge. Plötzlich steht die PET-Flasche da und keiner weiss, warum und woher. Alle wissen aber: die reichen Amerikaner und Europäer haben dies auch – also muss es gut sein. Nur versteht die ungebildete Mehrheit (oder die Mehrheit der Ungebildeten?) nicht, warum man den Abfall nicht wegwerfen soll…
Mentalität/Verschiedenes:
Ausländer werden in Lateinamerika als „Gringos“ bezeichnet. Manchmal bezeichnen sie nur die Amerikaner als Gringos, manchmal sind damit alle Ausländer gemeint. Woher stammt aber der Name? Ursprünglich war dies wirklich „nur“ für die Amis gedacht, die hier in ihren grünen Armee-Klamotten einfuhren und die Einheimischen sagten „green, go (home)“ – Grin-go…
Wer hier eine Frage stellt, kriegt immer eine Antwort. Latinos sagen nie, sie wissen es nicht, auch wenn sie komplett falsch ist. So kann man manchmal kreuz und quer durch eine Stadt irren, wenn man etwas Bestimmtes sucht, weil jeder wieder eine andere Richtung angibt…
Die Privatsphäre hat einen kleinen Stellenwert… die Brust geben an öffentlichen Plätzen ist keine Seltenheit, ebenso das umher Urinieren an jedem erdenklichen Ort, z.B. ans Rad des Busses.
Stellenwert der Frau: sehr, sehr unterschiedlich! In Nicaragua waren die Leute meines Erachtens am freundlichsten – so auch den Frauen gegenüber. Den Frauen wird z.B. im Bus Platz gemacht und sie werden sehr freundlich und vornehm behandelt. In Costa Rica, Honduras und Guatemala ist dies anders… hier scheint der Stellenwert der Frau deutlich tiefer zu sein, der Umgang ist nicht zu vergleichen mit Nicaragua.
Auf dem Land hat praktisch jeder eine Machete dabei. Nein, keine Kleine…selbst Kinder tragen Macheten, die bis in die Gummistiefel reichen.
Jene, die in die Schule dürfen bzw. sich eine Schule leisten können, tragen Schuluniformen. Schulen, Hochschulen etc. sind aber irgendwie so organisiert, dass man entweder abends ein paar Stunden „studiert“ oder am Mittag schon fertig ist…
Auf dem Markt kriegt man in der Regel ALLES! Meistens sind die Gemüse-Märkte direkt neben den „Handwerks-Märkten“. Vom Handy über Teppich, Kerzenhalter, Kleider bis zum Kinderspielzeug.
Etliche streunende Hunde, die sehr eingeschüchtert sind und mehr Angst vor Touristen haben als umgekehrt gibt es in jeder Stadt. Auf dem Land sind sie noch zahmer und leben gemeinsam mit den Hühnern, Gänsen, Schweinen und Katzen in der Küche oder dem Platz davor…
Handy: jeder hat eines und benutzt es auch nicht selten… Blackberries sind sehr beliebt und kosten ca. Fr. 200.- (inkl. Abo mit Gratisminuten).
Supermärkte sind auch lustig. Mirgos/Coop-ähnliches gibt es nicht. Alles direkt aus der Kiste – à la Denner/Aldi; funktionell halt. Hygieneartikel sind verhältnismässig extrem teuer, dafür kriegt man viele unserer Marken auch hier! Kioske sind manchmal völlig geschützt hinter Eisenstangen. An Kiosken bekommt man viele Dinge einzeln, sei dies eine Tablette AlkaSeltzer®, eine einzelne Zigarette oder einen einzelnen Kaugummi.
„Arbeiten“: dieses Wort wurde bestimmt nicht hier erfunden. Einmal meinte ein Busfahrer, ach so, aus Europa…ihr habt ja genügend Geld. Als ich ihm dann erklärte, dass wir eben auch für unser Geld arbeiten, war er ziemlich erstaunt. Wie so oft fehlt es einfach an der logischen Verknüpfung verschiedener Dinge…

So, das war’s mal fürs erste zum Thema „Land & Leute“ aus meinem Blickwinkel J