Top of Cotopaxi, 5897m

Montag, 19. September 2011

Land & Leute

Ich glaube, es ist an der Zeit einmal einige Dinge zu beschreiben, die in den Reiseberichten untergehen… Land und Leute hier sind ja so anders als zuhause. Die Mentalität ist ganz anders, das Handeln und Denken manchmal so ungewohnt – vieles funktioniert einfach ganz anders – aber es funktioniert…

Verkehr:
Die Stassen hier sind oftmals der Wahnsinn. Jeder der bei uns über Baustellen mit nachfolgendem Stau jammert, der soll mal auf diesen Strassen hier fahren. Ich sage euch, Schlaglöcher sind viel, viel schlimmer und behindern den Verkehr deutlich mehr als eine Baustelle – also seid froh, wenn die Strassen regelmässig erneuert werden und klagt nicht über den Stau!!
Eigentlich passt jeder gut auf den anderen auf, obwohl jeder den Vortritt erzwingen möchte… Unfälle sieht man selten, wenn, dann aber sehr schlimme.
Radwechsel am Strassenrand gehört zum Alltag.
Busfahren:
Als erstes muss man mal wissen, wo welcher Bus fährt. Oft gibt es mehrere Busstationen und ein Busfahrplan wie bei uns gibt es nicht. Busse sind nicht immer angeschrieben und das Ticket wird im Bus drin gekauft, wie teuer das Ticket ist, erfährt man meist erst, wenn man es bezahlen muss – gelegentlich zahlt der Ausländer auch etwas mehr…in der Regel so 1$US pro Stunde Fahrzeit.
Oftmals ist quasi jede Strassenecke eine Haltestelle, sprich, man kann den Bus einfach anhalten und einsteigen. Auch wenn der Bus übervoll ist, wird an Haltestellen herumgeschrien und Leute „angeworben“, oft wird auch fahrend ein- und ausgestiegen.
An den Bus-Terminals kommen immer mehrere Verkäufer nacheinander und gehen mit ihren Getränken, Gebäcken, Glacés etc. durch den Bus (man kann diese Busse durch die Hintertür wieder verlassen). Lustig finde ich einfach, dass einer nach dem anderen hereinkommt und genau das gleiche verkauft, wie der vorherige, dem auch schon niemand etwas abgekauft hat…
Während der Busfahrt läuft meistens Musik, oft Radio mit sehr schlechtem Empfang – aber wenigstens kriegt man einen Teil der Nachrichten mit ;-) Die Musik die hier im Radio gespielt wird, entspricht mehr oder weniger unserer westlichen Hitparade, jedoch spielen sie die Lieder mit spanischem Text, was sehr amüsant ist. Und natürlich viele „spanische“ Hits.
Gelegentlich steigen Prediger zu, die dann während der Fahrt aus der Bibel vorlesen, predigen und die Leute zu einem besseren, religiöserem Leben auffordern…
In jedem Bus gibt es mindestens ein Schild/Spruch, wo drauf steht „Jesus beschütze diesen Bus“ oder so ähnlich. Daneben hängen meist auch Schilder „Abfall nicht aus dem Fenster werfen“, jedoch machen dies viele Leute trotzdem… einmal stand eine Polizistin am Busterminal, die dies kontrollierte und die entsprechenden Personen aufforderte, den Müll sachgerecht zu entsorgen!
Einmal hatte mein Bus einen „Platten“. Amüsantes Ereignis… niemand musste aussteigen, der Bus rammelvoll und das Reserverad (das wie alles andere grosse Gepäck auf dem Dach transportiert wird) wurde bei vollem Bus montiert.
Trotz der offensichtlich vielen Nachteile fahre ich sehr gerne mit den „Chicken-Bussen“ (öffentliche Busse). Denn die Sitze sind höher und breiter als in einem Minivan, welche hier als „Shuttle“ benutzt werden, womit ich etwas mehr Beinfreiheit kriege J Busfahren hier ist immer irgendwie ein highlight – es steckt voller Überraschungen.
Einheimische fahren übrigens häufig auf den Ladeflächen von Pick-ups. Das ist sehr witzig und wenn man Glück hat sogar gratis ;-)
Essen:
Alles wird fritiert. Die Ernährung ist sehr reich an Kohlenhydraten (Reis, Bohnen, Kartoffeln, Yuca), Gemüse wird eher spärlich verwendet, obwohl es auf dem Markt in grossen Mengen angeboten wird.
Die Salatsauce besteht in der Regel aus einer mitgelieferten Zitrone, welche man selber über dem Salat auspressen darf. In touristischen Orten hält aber die Mayo auch Einzug… dort kriegt man auch alles andere, europäisch-amerikanische Essen – und ganz viel Fast-food…
Zu trinken gibt es meistens irgendwelche Süssgetränke – Coca Cola, 7Up, Sprite und co lassen grüssen. Oder ein refresco, ein „Erfrischungsgetränk“, jeweils auch mit einigen Löffeln Zucker zuviel – kein Wunder sieht man hier viele dicke Leute…
Das beste Getränk ist der frisch gepresste Orangensaft auf der Strasse. 6-10 Orangen frisch halbiert und ausgepresst für maximal 70 Rappen – fantastisch.
Gesundheit:
Das geschulte Auge sieht hier viele behinderte Leute – habe gemerkt, dass dies nicht allen auffällt. Aber es gibt viele Leute mit z.T. gut versteckten Behinderungen an den Extremitäten. Hinken ist auch weit verbreitet, aber kein Wunder wenn man sieht, was die Leute hier alles schleppen.
Auch Kraniofaziale Dysmorphien sind weit verbreitet. Augenleiden, insbesondere grauer Star und eingeschränkte Sehstärke sind sehr häufig. Neurologische Störungen, v.a. leichtgradig geistig retardierte Leute trifft man nicht selten – ob vieles davon auf die schon ziemlich einseitige Ernährung zurückzuführen ist?
Ein staatliches Gesundheitssystem scheint es in keinem dieser Länder zu geben. Alles muss man selber berappen – entsprechend gehen die Leute natürlich erst ins Spital, wenn’s ganz schlimm oder zu spät ist. Hausärzte: jeder, der das Studium beendet hat, ist quasi automatisch Hausarzt. Die meisten haben dann eine Spezialisierung in einem chirurgischen Fach, operieren also an einigen Tagen pro Woche und sind sonst in ihrer „Praxis“.
Umweltschutz:
Wie schon einmal geschrieben, existiert der Begriff der Nachhaltigkeit sowie des Umweltschutzes. Die praktische Umsetzung dieser theoretischen Begriffe ist noch schwieriger als bei uns. Die meisten Leute hier verstehen einfach nicht, was damit gemeint ist bzw. was sie tun oder eben nicht tun müssen, damit dies auch umgesetzt werden kann. Kein Wunder, früher hat man die Bananenschale einfach noch aus dem Fenster geworfen, warum soll man dies mit der Kecks-Verpackung oder der PET-Flasche nicht auch tun? Mann und frau tat dies hier schon immer so – nur gab es damals halt noch kein Plastik… für die meisten Leute fehlt wahrscheinlich einfach die Entwicklung bzw. der „Evolutionsverlauf“ der Dinge. Plötzlich steht die PET-Flasche da und keiner weiss, warum und woher. Alle wissen aber: die reichen Amerikaner und Europäer haben dies auch – also muss es gut sein. Nur versteht die ungebildete Mehrheit (oder die Mehrheit der Ungebildeten?) nicht, warum man den Abfall nicht wegwerfen soll…
Mentalität/Verschiedenes:
Ausländer werden in Lateinamerika als „Gringos“ bezeichnet. Manchmal bezeichnen sie nur die Amerikaner als Gringos, manchmal sind damit alle Ausländer gemeint. Woher stammt aber der Name? Ursprünglich war dies wirklich „nur“ für die Amis gedacht, die hier in ihren grünen Armee-Klamotten einfuhren und die Einheimischen sagten „green, go (home)“ – Grin-go…
Wer hier eine Frage stellt, kriegt immer eine Antwort. Latinos sagen nie, sie wissen es nicht, auch wenn sie komplett falsch ist. So kann man manchmal kreuz und quer durch eine Stadt irren, wenn man etwas Bestimmtes sucht, weil jeder wieder eine andere Richtung angibt…
Die Privatsphäre hat einen kleinen Stellenwert… die Brust geben an öffentlichen Plätzen ist keine Seltenheit, ebenso das umher Urinieren an jedem erdenklichen Ort, z.B. ans Rad des Busses.
Stellenwert der Frau: sehr, sehr unterschiedlich! In Nicaragua waren die Leute meines Erachtens am freundlichsten – so auch den Frauen gegenüber. Den Frauen wird z.B. im Bus Platz gemacht und sie werden sehr freundlich und vornehm behandelt. In Costa Rica, Honduras und Guatemala ist dies anders… hier scheint der Stellenwert der Frau deutlich tiefer zu sein, der Umgang ist nicht zu vergleichen mit Nicaragua.
Auf dem Land hat praktisch jeder eine Machete dabei. Nein, keine Kleine…selbst Kinder tragen Macheten, die bis in die Gummistiefel reichen.
Jene, die in die Schule dürfen bzw. sich eine Schule leisten können, tragen Schuluniformen. Schulen, Hochschulen etc. sind aber irgendwie so organisiert, dass man entweder abends ein paar Stunden „studiert“ oder am Mittag schon fertig ist…
Auf dem Markt kriegt man in der Regel ALLES! Meistens sind die Gemüse-Märkte direkt neben den „Handwerks-Märkten“. Vom Handy über Teppich, Kerzenhalter, Kleider bis zum Kinderspielzeug.
Etliche streunende Hunde, die sehr eingeschüchtert sind und mehr Angst vor Touristen haben als umgekehrt gibt es in jeder Stadt. Auf dem Land sind sie noch zahmer und leben gemeinsam mit den Hühnern, Gänsen, Schweinen und Katzen in der Küche oder dem Platz davor…
Handy: jeder hat eines und benutzt es auch nicht selten… Blackberries sind sehr beliebt und kosten ca. Fr. 200.- (inkl. Abo mit Gratisminuten).
Supermärkte sind auch lustig. Mirgos/Coop-ähnliches gibt es nicht. Alles direkt aus der Kiste – à la Denner/Aldi; funktionell halt. Hygieneartikel sind verhältnismässig extrem teuer, dafür kriegt man viele unserer Marken auch hier! Kioske sind manchmal völlig geschützt hinter Eisenstangen. An Kiosken bekommt man viele Dinge einzeln, sei dies eine Tablette AlkaSeltzer®, eine einzelne Zigarette oder einen einzelnen Kaugummi.
„Arbeiten“: dieses Wort wurde bestimmt nicht hier erfunden. Einmal meinte ein Busfahrer, ach so, aus Europa…ihr habt ja genügend Geld. Als ich ihm dann erklärte, dass wir eben auch für unser Geld arbeiten, war er ziemlich erstaunt. Wie so oft fehlt es einfach an der logischen Verknüpfung verschiedener Dinge…

So, das war’s mal fürs erste zum Thema „Land & Leute“ aus meinem Blickwinkel J

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