Nicaragua
Bereits bin ich wieder seit gut zwei Wochen in Nicaragua.
Das Land ist rund dreimal so gross wie die Schweiz, jedoch leben nur 6 Millionen Menschen hier – der Osten des Landes ist praktisch unbewohnt, da dort noch eine riesige zusammenhängende Fläche Regenwald besteht, auch an der Karibikküste gibt es nur wenige „Städte“.
Etliche Vulkane und zwei grosse Seen prägen die Landkarte Nicaraguas – der Managua-See und der Nicaragua-See. Letzterer ist ca. 15mal so gross wie der Bodensee und führt über den Rio San Juan ins karibische Meer. Beide Seen sind aber extrem verschmutzt, da während Jahren das gesamte Abwasser der Hauptstadt Managua direkt in den See floss. Die meisten Einheimischen verstehen aber den Zusammenhang zwischen „alles-aus-dem-Fenster-werfen“ und daraus folgender Umweltverschmutzung mit möglichen Gesundheitsrisiken bzw. -schäden überhaupt nicht. Viele behaupten, der See sei sauber und auf vielen der kleineren Inseln wird das Seewasser auch als Trinkwasser benutzt… Prost. Überall steht, dass man keinen Abfall wegwerfen soll/darf, aber viele machen es trotzdem. Der Umweltbegriff existiert, jedoch ohne das nötige Verständnis dafür.
Die Geschichte Nicaraguas ist von Diktaturen, Aufständen, Bürgerkriegen, Revolten, Putschen, Plündereien etc. geprägt. Seit 2007 die Sandinisten ihre Macht sichern konnten, scheint etwas Ruhe ins Land gekommen zu sein. Vielerorts hängt neben der nicaraguanischen Flagge daher auch die rot-schwarze Sandinisten-Flagge mit der Aufschrift FSLN (Frente Sandiniste de Liberatión National; Sandinistische nationale Befreiungsfront).
Im Gegensatz zu den Costaricandern, den „Ticos“, werden die Leute hier „Nicas“ genannt. Auch kriegt man an vielen Orten einen Nica libre statt einem Cuba libre ;-) Die Nicas sind deutlich offener, freundlicher und zuvorkommender als die Ticos. Lehrer Julio hat dies damit begründet, dass die Nicas halt einfach froh sind, dass endlich mal kein Krieg herrscht – ein bescheidenes, sehr liebes, aber armes Volk.
Das Essen unterscheidet sich nicht stark vom südlichen Nachbar und scheint in ganz Zentralamerika ähnlich zu sein: Reis, schwarze Bohnen, Poulet oder Rind, fritierte Kochbananen und gelegentlich gibt’s auch etwas Gemüse dazu – oft unterscheiden sich aber die drei Hauptmahlzeiten kaum.
Ich kam am Südostufer des Lago de Nicaragua an. Die Einreise ist friedlich und einfach, kostet 12$US und überall stehen bewaffnete Soldaten rum. Ich kam mit dem Schnellboot von der costaricanischen Grenzstadt, da die Strasse zwischen den zwei Ländern nur für amtliche Zwecke benutzt werden darf – was die Einreisekontrolle erleichtert. Ein- und Ausreise als Schweizer war sehr einfach, bei den Einheimischen dauerte der Prozess wesentlich länger.
Angekommen, nahm ich auch gleich das nächste Boot und fuhr ca. 50km flussabwärts nach El Castillo, benannt nach der „Festung“, welche dort gebaut wurde, um die Piraten, welche von der Karibik her ins Landesinnere eindringen wollten, aufzuhalten. Ein sehr kleines, ruhiges Dorf. Ein guter Start in ein neues Land. Weiter flussabwärts Richtung Karibikküste nimmt das Indio Maiz Naturreservat eine riesige Fläche in Anspruch – nur etwa 30 Familien leben dort. Ein Tagesausflug in den Regenwald dort zeigte erneut, dass die Tiere keine Grenzen kennen. Auch hier gibt es die gleichen Affen, Schlangen, Frösche etc. wie in Costa Rica.
Nach zwei Nächten ging ich dann wieder zurück zum Nicaraguasee um die Fähre, die eben nur zweimal wöchentlich fährt, zur Ometepe-Insel zu nehmen. 10 Stunden dauerte die Überfahrt und wir kamen erst nach Mitternacht auf der Insel an. Wir waren dann eine deutsch-österreichisch-schweizerische Gruppe von 8 Personen und klopften mitten in der Nacht beim Hostel an J Die Insel besteht eigentlich nur aus zwei Vulkanen und erst seit dem letzten Ausbruch besteht eine Landbrücke. Die Strassen sind mehrheitlich katastrophal und an manchen Stellen wäre man zu Fuss schneller… Unsere Unterkunft lag direkt am Fusse des Vulkan Maderas, welchen wir dann am zweiten Tage auch bestiegen. Sehr schön, aber auch anstrengend, da die Steine und das Gehölze im bis zur Spitze mit Nebelwald bedeckten Vulkan ziemlich nass und glitschig waren. Leider begann es gerade zu regnen als wir oben waren und die Wolken verdeckten die Aussicht L somit war auch Baden im Kratersee nicht sehr lukrativ und auf 1300m war’s dann doch schon recht kühl. Die Insel ist aber sehr schön, gemütlich und ruhig. Hier wird auch noch richtige Freilandhaltung betrieben. Immer wieder mal steht eine Kuh, ein Huhn, ein Pferd oder ein Schwein irgendwo auf der Strasse oder am Strassenrand. Jedenfalls hinterliessen die Tiere einen „glücklicheren“ Eindruck als die meisten bei uns…
Die Preise hier sind übrigens unschlagbar, da können Aldi, M-Budget und Prix-Garantie gleich einpacken! 3 Nächte mit Halbpension für etwa 40 Dollar; sehr einfacher Standard natürlich, aber wer braucht bei diesen Temperaturen schon warmes Wasser?
Danach ging’s weiter zu den zwei Städten Granada und León. Granada liegt am Nordwestufer des Sees und ist ein richtig schönes, emsiges Städtchen. León liegt weiter nördlich, war die ehemalige Hauptstadt Nicaraguas und gilt heute als „Kulturhauptstadt“ und ist irgendwie ruhiger und gemütlicher als Granada. Beide Städte haben gemeinsam, dass hier viele prachtvolle koloniale Bauten stehen und beide eine grosse Kathedrale besitzen. Jene von León gilt als grösste in ganz Zentralamerika. León’s Bauten sind aber alle ein bisschen heruntergekommen, verglichen mit jenen Granadas – trotzdem oder vielleicht deswegen, mochte ich León irgendwie lieber. Ich liebe es einfach, durch den einheimischen Markt zu schlendern. Den Fleisch- und Käseverkäufern zuzuschauen, wie sie bei 35°Celsius mit ihrem Fächer versuchen die Fliegen von ihren Produkten fern zu halten oder das lauthalse Schreien gewisser Standverkäufer, die wohl glauben, nur ihr Produkt sei wirklich gut. Meinen ausgerissenen Hosenknopf konnte ich mir für satte 10 Rappen wieder anmachen lassen. Auch Schuster gibt’s an jeder Ecke und natürlich die Strassenkinder, die Schuhe putzen wollen. Eigentlich kann man hier auf den Märkten ja fast alles Kaufen, von einzelnen Velorädern, Handys, Nahrungsmittel, Kleidern, einfach alles.
Eine Tagestour führte mich auch nach Masaya, zum grössten Einheimischenmarkt Nicaraguas. Eine riesige Halle mit tausenden von handgefertigten Dingen (viele davon komplett überflüssig und sinnlos), Gemälden etc. Nach einer Stunde musste ich dann raus, obwohl ich erst eine von etwa 20 Reihen geschafft hatte…aber jeder zweite Stand verkauft ja eh die gleichen Dinge. In Catarina, dem Nachbardorf, war das Ganze dann viel, viel kleiner dafür gibt’s da einen Aussichtspunkt in und über eine Kraterlaguna (Apoyo-Lagune) mit einer überwältigenden Sicht auf Granada und den dahinterliegenden Nicaraguasee.
Der Cerro Negro liegt etwas ausserhalb von León und ist der jüngste Vulkan Nicaraguas mit letzter Eruption im Jahre 1999. Da auf der einen Seite kaum Geröll liegt sondern nur „Sand“ (Kieselsteine) hat sich dort das Sandboarden etabliert. Musste ich ausprobieren. Der Aufstieg war leicht, waren auch nur etwa 400 Höhenmeter bis auf 750m hoch. Im grün-gelben Kombi mit Handschuhen, Knie-, Ellbogen- und Handgelenksschonern ausgerüstet gings dann los. Brille auf und dann sah ich nichts mehr… die Brillen waren so alt und verkratzt, dass eigentlich niemand etwas sah… war aber trotzdem extem lustig, die 400m hinunter zu schlitteln. Stehend ist dies auf dem Kieselsand sehr schwierig und geht nur mühsam und langsam, drum hatte ich mich fürs Sitzen entschieden J ein echter Spass – siehe Fotos. Abends ging’s dann mit den Locals in die Disco. Das ist so was von cool – die spielen die ältesten Lieder und tanzen wie wild.
Nach León ging ich ins Hochland im Norden, nach Estelí. Hier werden die besten Zigarren des Landes hergestellt. Lustigerweise gab’s gerade eine Führung zur Zigarren-Fabrik, als ich im Hostel ankam, welche ich mir natürlich nicht entgehen liess. 80% Handarbeit, jedes Tabakblatt wird einzeln getrocknet und am Schluss wieder zu einer Zigarre gerollt. Ein sehr interessanter Einblick.
Danach verweilte ich eine Nacht im Hochland ausserhalb der Stadt bei einer Familie, dem Lehrer Julio. Das „Dorf“ in dem Julio wohnt, liegt etwa 30-40km ausserhalb von Estelí, die Fahrt mit dem Bus dahin dauert aber 90min… der Weg dorthin hat das Prädikat „Strasse“ nun wirklich nicht verdient – es war die Fahrt aber mehr als wert. Gekocht wird hier auf einer Feuerstelle, dessen Rauch am frühen Morgen über/durch die Wände drang, kleine und grosse Geschäfte werden in der Latrine verrichtet und Wasser gibt’s vor dem Haus an der dafür eingerichteten Stelle oder in der „Dusche“ hinter dem Haus… Tagsüber besichtigten wir das Hochland und die vielen kleinen Kaffeeplantagen, wo noch jede Kaffeebohne einzeln von Hand geerntet wird und alles „komplett“ biologisch angebaut wird! War eine sehr schöne Tagestour mit dem Pferd J In Estelí gibt es viele Projekte, um eine biologisch-ökologische und nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben – das Verständins bei der Bevölkerung hierfür scheint mir auch etwas besser zu sein.
Nach der wiederum 90minütigen Rückfahrt aus „La Pita“ bei völlig überfülltem Bus (viele Reisende sassen auf dem Dach), sowie dem gestrigen Reitausflug mit anschliessender Wanderung, hätte ich diesen Eintrag ja nun lieber stehend geschrieben…
Morgen geht’s nun Richtung honduranische Grenze nach Somoto, wo eine Tour durch den Canyon ansteht und am Freitag werde ich die Grenze nach Honduras überqueren und hoffentlich am Abend an der karibischen Küste in La Ceiba ankommen.
Ob ich danach in den Dschungel fahre um in "La Moskitia" im Busch-Spital zu arbeiten, steht noch aus…die Zuverlässigkeit der „Einheimischen“ lässt einmal mehr auf sich warten… aber ich habe genügend Alternativen J
Nicaragua war wirklich toll und sau schön; trotzdem heisst's nun: adiós Nicas!