Top of Cotopaxi, 5897m

Samstag, 26. November 2011

Colombia - der Süden

Bereits sind wieder rund zweieinhalb Wochen vergangen. Kolumbien ist RIESIG, genauer gesagt etwa 27mal so gross wie die Schweiz und rund 5mal mehr Einwohner, aber nur schon in der Hauptstadt Bogotá wohnen gleich viele Leute wie in der ganzen Schweiz. Das Land wir in Nord-Süd-Achse von zwei Gebirgszügen in fünf Teile gespalten: Küste, Hochebene/Gebirge, Tiefebene, Hochland/Gebirge und Amazonas/Dschungel. Gegen Norden versanden dann die Gebirgszüge wortwörtlich und es wird alles flacher bis zum karibischen Meer.
Das erste was einem in diesem Land auffällt ist, dass die Leute extrem freundlich sind. Bestellt man in einem Restaurant etwas, kommt die Bedienung und fragt „hola mi amor“, was hättest du gerne. Die sprachlichen Ausdrucksformen hier sind sehr schön und liebevoll – und genau so sind die Leute auch. Auch werden viele „Verniedlichungsformen“ wie im Schweizerdeutsch verwendet. So viele, wie sonst in keinem anderen lateinamerikanischen Land. Vieles ist hier anders als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Kolumbien ist sicherlich eines der am weitesten entwickelten Länder Lateinamerikas. Die Standards hier sind so gut, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte ;-) beispielsweise kann man in allen grösseren Städten das Hahnenwasser problemlos trinken – und trotzdem ist alles noch sehr billig. Ausser Busfahrten. Diese kosten hier 3-10mal soviel wie in allen anderen Ländern zwischen Mexiko und Bolivien und die Standards sind sehr unterschiedlich – von sehr komfortabel bis katastrophal! Aber bei den Benzinpreisen sind die Kosten ja auch kein Wunder. Der Liter Benzin kostet hier mit 1 – 1.25CHF rund 3-4mal mehr als beispielsweise in Ecuador (wobei dort das meiste Benzin mit Wasser verdünnt sei…). Hier gibt es auch militärische Strassenkontrollen – angeblich um die Sicherheit zu erhöhen. Ich bin immer der Erste, der seinen Pass wieder zurück kriegt J die Einheimischen werden viel, viel strenger kontrolliert. Kolumbien ist aber auch ein „Velo-Land“. Habe in ganz Lateinamerika noch nie so viele Velo- und Mofafahrer gesehen wie hier. Auch ganz witzig ist, dass man an jeder zweiten Strassenecke „Minuten“ zum Telefonieren kaufen kann. Da bietet einfach einer sein Handy an und verlangt dann 5-15 Rappen pro Minute und man kann dies minutenweise „mieten“ um einen Kurzanruf zu tätigen – voll praktisch für Hotelreservationen und -Anfragen etc. Was generell ganz speziell hier ist: praktisch jeder Preis (ausser beim Essen und im Supermarkt) ist verhandelbar! Sei es im Hotel, auf dem Markt oder am Busticket-Schalter – fast jeder Preis kann gedrückt werden. Dies macht es einerseits spannend, andererseits auch sehr mühsam. Weiter ganz typisch für Kolumbien sind die „Chivas“. Eine Chiva ist ein „Bus“, mit dem die „Indigenas“ – die „Indianer“ – mit all ihren Verkaufsgütern zum Markt gefahren werden. Alle Güter – Früchte, Gemüse, Kleider und Schmuck – wird auf dem Dach transportiert, die Ver- und Käufer dann im Bus selber. Die Farben der Flagge Kolumbiens stehen gemäss Einheimischen für folgendes: Gelb für die Bodenschätze, v.a. dem vielen Gold, Blau für die vielen Flüsse, Seen und die zwei angrenzenden Ozeane und Rot für das viele vergossene Blut in unzähligen Unabhängigkeitskämpfen.
Also, die Fahrt von Quito zur kolumbianischen Grenze dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Grenzüberquerung war für Ausländer einmal mehr einfacher als für einheimische Grenzgänger… gut, nach knapp 12 Stunden im Bus kam ich dann in Pasto – einem kleinen Städtchen ca. 2h von der Grenze entfernt an. Für viele Kolumbianer liegt Pasto in Ecuador – die Mentalität dort sei auch ganz anders; ich habe keinen sooo grossen Unterschied gespürt, kam hierfür natürlich aber auch von der „falschen“ Seite her. Eine knappe Stunde östlich von Pasto liegt die Lagune von Cacho, das einzig wirklich sehenswerte in dieser Region. Die Fahrt im Sammeltaxi – das Taxi fährt einfach los, sobald es voll ist – kostet gerade mal zwei Franken pro Nase – für 45-50 Minuten Fahrt! Ok, für die Rückfahrt, die bergab ging, hat der Taxifahrer dann auch den Motor abgestellt…jaja, das funktioniert hier mit diesen alten Autos noch, da blockiert noch nichts – die Überholmanöver sind aber immer wieder ein Abenteuer; schon klar warum sich immer alle vor einer Fahrt bekreuzigen… leider begann es bei der Lagune bald an zu regnen – aber schön war’s trotzdem und ein gemütlicher Einstieg in eine neue Kultur.
Von Pasto gings dann am Folgetag nach Cali, dem pulsierenden Zentrum im Süden des Landes und der „Hauptstadt des Salsa-Tanzes“. Ich fand die Stadt nicht soo toll und verbrachte dann zwei Tage etwas ausserhalb in einer kleineren Stadt. An diesem Wochenende waren auch noch Miss-Colombia-Wahlen. Haha, das war ja was. Bei uns dauern die Wahlen zwei Stunden – mit ganz viel Aufzeichung. Hier wurden an drei oder sogar vier Abenden zu je 2-3 Stunden alles, was bei uns als Aufzeichnung gezeigt wird, live gezeigt. Ein mega Anlass! Zudem wird bei jeder Kandidatin gesagt, welche Schönheitsoperation sie schon hinter sich hat und daher sei der Bauch oder die Brüste so schön… jaja, Schönheitsoperationen sind hier ganz hoch im Kurs. In den (Salsa-)Bars sieht man nicht selten ganz unproportionale Körperfiguren – nicht unbedingt mein Geschmack, aber die Frauen hier (der gehobeneren Klasse natürlich) sind süchtig danach…entsprechend viele Fitness-Zentren gibt es hier, damit die Figur auch so bleibt ;-) Da muss ich aber noch ein Wort zur Ernährung verlieren… die unterscheidet sich leider nicht sonderlich vom Rest Zentral- und Südamerikas. Reis und Bohnen als Grundnahrungsmittel, dazu Yuca (eine Kartoffelart), Kartoffeln, eine Hand voll Salat, ein Stück Rindfleisch oder Poulet sowie eine frittierte Kochbanane – davor natürlich noch eine Suppe. Serviert mit einem frischgepressten, gezuckertem Saft, et voilà. Kostenpunkt: Fr. 1.50 – 3.00. Wo verschwindet also das ganze Gemüse, das auf den Märkten verkauft wird??? Ich weiss es nicht, wahrscheinlich in der Suppe… zum Frühstück Rührei mit Arepa – einer frittierten Mais-Tortilla. Nun ja, ihr seht, an Fett und Kohlenhydraten fehlt es hier in der Ernährung nicht. Dies sieht man auch vielen, v.a. älteren Generationen deutlich an (à la klassischer italienischer „Mama“).
Von Cali ging ich dann wieder etwas zurück in den Süden nach Popayan. Dies ist die ehemalige „Hauptstadt des Südens“ und wird auch heute noch als die „weisse Stadt“ bezeichnet, da das ganze koloniale historische Zentrum von weissen Häusern durchsetzt ist. Ein wirklich schönes Städtchen mit vielen Restaurants, Bars und gemütlichen Cafés. Dienstags ist jeweils „Indianer-Markt“ in Silvia, einem Bergdorf auf 2600m rund anderthalb Stunden von Popayan entfernt. Der Markt ist sehr klein und die in ihren traditionellen Kleidern auftretenden „Indigenas“ verkaufen v.a. Gemüse, Gewürze und Früchte. Grundsätzlich kriegt man aber auch hier alles, was man sonst noch braucht – vom Kanarienvogel über Schmuck bis hin zur Unterwäsche.
Von Popayan plante ich dann eine „Rundreise“ zu den zwei grössten und wichtigsten archäologischen Stätte Kolumbiens – San Agustin und Tierradentro – mit einem Stopp dazwischen in der Tatacoa-Wüste; ich plante 5-7 Tage, denn die Strassen sind ziemlich schitter und führen vom Hochland ins Gebirge und dann runter in die Tiefebene und wieder hoch. San Agustin und Tierradentro – beide seit 1995 UNSECO-Weltkulturerbe – waren von zwei unterschiedlichen Kulturen besiedelt, von denen man praktisch nichts weiss. Für beide Kulturen wird eine Blütezeit zwischen 1-900 n. Chr. angegeben, die ältesten Funde datieren aber aus 3000 v. Chr. Das einzige was von den beiden Kulturen noch übrig ist, sind die Grabstätte. Die zwei Kulturen unterscheiden sich aber deutlich. In San Agustin finden sich v.a. Statuen, die die Gräber und Sarkophagen „beschützten“. Die Gräber liegen bis maximal ca. 2 Meter unter der Erde. Etliche der Skulpturen zeigen Krieger mit bissigen, scharfen Eckzähnen oder Tieren, die hier wohl gar nie existierten! Z.B. Elefanten oder Vögel, von denen man hier nichts weiss – auch keine Skelettfunde! Die Statuen mit menschlichen Gesichtszügen zeigen auch Gesichter mit extrem breiten Nasen, wie man sie eigentlich nur aus Afrika und Teilen Polynesiens kennt… naja, meines Erachtens muss diese Kultur also vor viel, viel längerer Zeit existiert haben, sonst hätten sie all diese Dinge so nicht zeigen können. In der Gegend von San Agustin liegt zudem der Grösste Wasserfall Kolumbiens, der „Salto de Bordoñes“ und ist mit rund 400m der drittgrösste Wasserfall in Südamerika. Weiter liegt hier die Flussenge des „Rio Magdalena“, dem längsten und wichtigsten Fluss des Landes. Nebenbei erzeugt Kolumbien etwa 50% des Stromes aus Wasserkraft, drum ist der Fluss auch so wichtig (Atomkraftwerke gibt es hier – zum Glück – nicht! Es geht also auch anders!!). Ich war auf einer Tour mit nur Einheimischen – für die war z.B. diese Flussenge etwas extrem Gigantisches – okay, die Gegenden in San Agustin und Tierradentro sind sehr schön, aber ohne das Wissen und die Erfahrung der Bedeutung ist eine solche Flussenge etwas, was es in der Schweiz an jeder Ecke gibt… Die archäologischen Stätte in San Agustin liegen ziemlich weit auseinander im hügeligen Gebirge, daher benötigt man 2-3 Tage um alles zu sehen und wenn ich schon mal da bin…sprich, einen Tag im archäologischen Park, einen Tag per Jeep (inkl. Wasserfall) und einen Tag zu hoch zu Ross J - das war wirklich einmalig und wie gesagt, die Gegend dort ist sehr malerisch und schön. In den Bergregionen hier sieht man noch die wahre, ursprüngliche Kultur. Jeder kann ein Pferd reiten und die Landwirtschaft wird vornehmlich von blosser Hand und Machete verrichtet, zu steil ist an vielen Orten das Gebirge. Kühe, Ziegen und Pferde laufen frei herum und den offensichtlichen, geistigen Behinderungen einiger Indigenas zufolge, scheint auch Inzucht noch immer an der Tagesordnung zu sein… traurig aber wohl wahr.
Die Fahrt in die „Wüste“ dauerte dann 8 statt 5 Stunden – keine Ahnung warum… jedenfalls kam ich gerade noch knapp vor Sonnenuntergang dort an und der erste Teil der Tour begann noch am Abend. Die Tatacoa-Wüste ist eigentlich keine richtige Wüste. Es ist eine Zone mit halbtrockenem, dürrem subtropischem Wald, wo die Temperatur bis 50° Celsius erreichen kann, die jährliche Niederschlagsmenge aber bei 1078mm liegt (zum Vergleich Wil/SG: rund 1200mm/Jahr – und Wil hat nun wirklich kein Wüstenklima…). Zudem beträgt die Fläche nur gute 350km2. Nun ja, die „Wüste“ ist sehr speziell. Praktisch alles ist grün – Kühe, Pferde, Ziegen und Schafe grasen hier. Dazwischen gibt’s die völlig erodierten Areale, welche die „Wüstenlandschaft“ ausmachen. Aber auch hier gibt’s massive Variationen: es gibt den roten, grauen und grünen Teil. Dazwischen überall Kakteen, die mehrheitlich im Gras wachsen… noch nie sowas ähnliches gesehen – sehr spannend. Und zur Nacht der Sternenhimmel…wow. Bei der Sternwarte doziert Professor Julio jeden Abend ab 18:45 Uhr für die Schüler des nächst gelegenen Dörfchens Villavieja und für Fr. 5.- dürfen auch Touristen zuhören und auf der Terrasse mit den riesigen Teleskopen den Sternenhimmel betrachten. Gute drei Stunden lang dauerte der interaktive „Vortrag“ J sehr cool. In der Cabaña nahe der Sternwarte habe ich herrlich geschlafen – bei ganz viel nächtlichem Regen… am Morgen ging die „Wüstentour“ noch für 3h weiter und dann wieder die 4km zurück ins „Wüstendorf“ Villavieja. Von da via Neiva weiter bis nach Rivera, einem einheimischen Insider-Tipp. Hier gibt es eine schöne Thermalquelle ganz oben am Hügel.
Am Folgetag dann weiter nach Tierradentro – die Fahrt dahin dauerte 10,5h statt wie üblich 5h… einmal mehr eine Bus-Panne und dann kein Anschluss… jaja, die Busfahrten in Lateinamerika können einem einen ganzen Tag rauben… hatte eigentlich geplant, den ersten Teil schon am Montagnachmittag zu besichtigen, aber eben…um 19 Uhr ankommend, gab’s nicht einmal mehr ein Nachtessen in dem einzigen Restaurant in Tierradentro!! Nur auf Voranmeldung in der Nebensaison… Das Kaff besteht aus einer Strasse, 2 Museen und links und rechts der Strasse je etwa 10 Häuser – davon die Hälfte mit Schlafmöglichkeiten für Touristen. Die Strasse den Berg hoch eine einzige Katastrophe. Ich hatte mich echt gefragt, wie die UNESCO vor 16 Jahren hierher kommen konnte und die Stätte zum Welterbe ernennen, wenn bis heute keine asphaltierte oder betonierte Strasse dahin führt und in täglicher Sisyphus-Arbeit das Geröll von der Strasse entfernt wird… wie auch immer, die Stätte ist wirklich einzigartig. Abgesehen davon, dass wir uns am ersten Tag verliefen, weil es keine richtige Beschilderung gibt und wir 3-4h lang ins falsche Tal liefen, war’s der Aufenthalt mehr als wert. Das Verlaufen kostete natürlich einen weiteren Tag, der meinen „Zeitplan“ nochmals veränderte… Die Grabstätte in Tierradentro liegen alle in 2-8m Tiefe. Das imposante daran aber ist, dass die (Massen- bzw. Familien-)Gräber in den Fels gemeisselt wurden! Die Grabkammern sind bis ca. 10m breit und ca. 5m lang, einige sogar „doppelstöckig“. Teils sind noch die originalen Treppenstufen runter zum Grabeingang zu sehen. Gigantisch, wie alles von oben her in den Fels gemeisselt worden ist und unten in einer grossen, mit Stützsäulen versehenen und mit roter, schwarzer und weisser Farbe bemalter bzw. dekorierter Halle endet, wo ebenfalls in den Fels eingemeisselt Löcher für Grabschmuck wie Vasen vorgefertigt wurden. Wow – die Fotos sind nicht halb so eindrücklich wie die Realität. Ganz imposant auch, dass praktisch alle Gräber auf engstem Raum an den höchsten Punkten, der Bergkrete, in Tierradentro liegen. Heute sind die Felsen/Berge mit Gras überwachsen, darunter liegen aber dutzende von Gräbern, die (noch?) nicht ausgegraben sind – so werden sie auch besser konserviert. Die meisten Gräber wurden von den Konquistadoren und den späteren Archäologen geplündert. Ganz viel Gold ging dabei verloren – einiges ist aber noch im Gold-Museum in Bogotá zu besichtigen (was ich morgen auch tun werde). 
Die zahlreichen Verspätungen bei den Busfahrten sowie das Verlaufen in Tierradentro, brachten meinen „Zeitplan“ so durcheinander, dass mich die „Rundreise“ nicht nach Popayan zurück führte sondern von Neiva aus direkt nach Bogotá.
Seit gestern bin ich nun also in Bogota, der dritthöchsten Hauptstadt der Erde (auf 2600m) und der Stadt, die so viele Einwohner hat, wie die ganze Schweiz… von Süden her kommend, sah ich schon mal die ganze Armut der Stadt - gegen Norden hin verändert sich das Stadtbild deutlich! Mehr Grünfläche, schönere Häuser - ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Heute war ich in Zipaquirá, einer kleinen Stadt im Norden von Bogotá, bekannt für die Salzminen. Hier werden 40% des Salzes des ganzen Landes abgebaut und in der Salzmine gibt es eine eindrückliche Kathedrale (für alle Matura-Kollegen, die mit mir in Polen waren: die Salzmine in Wieliczka ist viel, viel imposanter!). Heute kam auch Oli hier an und wir werden meine letzen 7 Wochen gemeinsam verbringen – ich freue mich sehr darauf.
Hasta la vista!

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